Freitag, 28. Dezember 2012

Kapitel 2 (Schluss)

Zurück zu Abschnitt (18)
Dass Kinder inzwischen die allgemeine Angestelltenmentalität verinnerlicht haben, zeigt sich an ihren Vermeidungsstrategien: Schule ist hierzulande ein Muss, dem fast alle so oft und so lange wie möglich in die „Freizeit“ entkommen wollen. Lernen als Chance, als Geschenk, Lernen als Strategie zur lustvollen Befriedigung der Neugier, des Drangs zum Entdecken der Welt und seiner eigenen Kräfte – das gibt es wohl nur noch in Ländern, wo das Lernen nicht auf Versorgung angestellter Lehrer ein-gestellt, sondern ein kostbares Gut für Lehrer und Schüler ist.
Das neue Metasystem „Gestell“ ersetzt nicht Familie, Religionsgemeinschaft, Nation und andere. Sie wirken ineinander, bisweilen konkurrieren sie – wenn sich z.B. der jüdische Mitarbeiter von seinem Chef gemobbt fühlt und gemeinsam mit seinem Rebbe vors Arbeitsgericht zieht, um ihn des Antisemitismus zu beschuldigen. Und wie bei allen „älteren“ Gemeinschaften hängt die Dynamik der Metasysteme mit den Gefühlen, Konflikten und Strategien der Individuen zusammen. „Gewalt Macht Lust“: sie leben sich in allen Metasystemen aus – das Gestell unterscheidet von den anderen, dass sie es um einen nie zuvor gekannten Preis tun können: den Untergang der Gattung.
Aber die Apokalypse ist eine uninteressante Vorstellung für ein Buch, das neue Perspektiven sucht. Fragen wir lieber nach Chancen: wie treiben die Impulse aller entwicklungsgeschichtlichen Stufen uns Menschen heute noch – und meist erfolgreich? Was fixiert uns auf Ziele, die wir erreichen oder vermeiden wollen, wie konstruieren wir fortwährend, was wir für Wirklichkeit halten? Fragen wir, wie die strategischen Muster unserer Wahrnehmung und unseres Handelns beschaffen sind. Möglicherweise finden sich sogar Alternativen zu Gewalt und Krieg.
Hier soll der Versuch unternommen werden, einiges an Wissen über Gefühle, Konflikte, Strategien zusammenzutragen. Wie stark wirkt Subjektivität in die Metasysteme von Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft hinein?

Zum 3. Kapitel




Donnerstag, 27. Dezember 2012

Kapitel 2 (18)

Zurück zu Abschnitt (17)
Der Wunsch sich zusammenzuschließen ist nun wirklich keine Erfindung der Neuzeit. Er gehört zu einer mustergültigen Strategie des Lebens, das sich zu Kolonien von Bakterien, zu Insektenstaaten und Rudeln organisiert. Wer als Kind nicht die Erfahrung gemacht hat, dass er einer widerwärtigen kleinen Ziege oder einem Bastard von einem Raufbold aus der Nachbarschaft mit dem Papa oder dem großen Bruder drohen konnte, dem fehlt das Gespür für die Tragweite familiärer Schutzmacht.
Aber der schützende Familienkreis spielt im Leben vieler Menschen längst nicht mehr die entscheidende Rolle. Er ist selbst schutzbedürftig – so sieht es jedenfalls das Grundgesetz vor. Und wenn ich die Bemühungen der Politiker recht verstehe, dann sollen Väter und insbesondere Mütter künftig noch mehr von der Verantwortung für ihre Kinder entlastet werden, damit sie ihren Platz im Gestell behaupten können.
In der Obhut an-gestellter Kinderpfleger und -pflegerinnen, Kindergärtner und -gärtnerinnen, Lehrer und Lehrerinnen wachsen diese dann zu guten Angestellten heran, manche sehen hier den Beweis für die „guten Seiten“ – nämlich die „soziale Sicherheit“ des untergegangenen „realen Sozialismus“. Den Begriff „unternehmerisches Risiko“ gab es dort nicht. Dass die zu perfekten Angestellten erzogenen Kinder eines Tages in ihren Eltern und Großeltern noch viel mehr sehen, als lästige Kostgänger der Kranken- und Rentenversicherungen, für die jeden Monat fast die Hälfte vom Einkommen eines An- Gestellten abgezogen wird - darauf würde ich heute nicht wetten. Und die immer lauter und unverfrorener geführte Diskussion über „Sterbehilfe“ ist eine unheimliche Begleitmusik zur Litanei derer, die uns mit dem Versprechen, uns die Sorgen (i.e. die Verantwortung) abzunehmen, das Geld abnehmen – und zum Schluss das Leben[1].
Weiter zum Schluss

[1] Erich Fried „Die Abnehmer“, in „Kanon der deutschen Literatur - Gedichte“ Bd.7, Frankfurt, Suhrkamp 2005


Sonntag, 16. Dezember 2012

Kapitel 2 (17)

Zurück zu Abschnitt (16)
Die Hirnforschung hat erst im vergangenen Jahrzehnt erkannt, wie enorm abhängig Gefühle und Reaktionen der Menschen von der unbewussten wechselseitigen Wahrnehmung sind, was Mienen, Gesten und Laute bewirken. Das Theater spielt seit Jahrtausenden damit. Jeder von uns erwartet auch – unbewusst –, dass sein Gegenüber lächelt oder die Stirn runzelt. Wenn der Arzt ein „Pokerface“ zeigt – also nonverbale Signale verweigert – kann das bei seinem Patienten zu heftigen Ängsten führen („Warum macht er ein so undurchdringliches Gesicht? Das bedeutet nichts Gutes“).
Dem guten Arzt kann seine Erfahrung und Menschenkenntnis weiterhelfen; er weiß um seine Wirkung auf Menschen, ohne dass er sie im Einzelnen beschreiben könnte und sich ihrer bis in jede Regung bewusst wäre. Er hört nicht nur zu, er erkundet die emotionalen Schwankungen und Befindlichkeiten, indem er seinem Gespür folgt – insofern nähert er sich der Kunst des Schauspielers. Aber für diese „alten“ Strategien ist in unserem auf Kontroll- und Abrechnungsmechanismen ausgerichteten Gesundheitswesen kein Platz mehr. Und einen „Kunstfehler“ kann sich kein Arzt leisten. Auch er steht unter dem Druck des Gestells, er muss „feststellen“, und er muss „sicherstellen“, dass ihm kein Fehler nachzuweisen ist. Zu dem ohnehin maßlosen apparativen Aufwand in den Kliniken kommt der Aufwand für Überwachungssysteme, mit denen Schadensersatzforderungen unzufriedener Patienten vorgebeugt werden soll. Die Erwartung an eine fehlerfreie und garantiert wirksame Therapie, die eine vollständige Heilung herbeiführt, gebiert monströse Kosten.
Dieser Wahnsinn des Gestells folgt einer natürlichen Logik: wer sich in die Obhut eines Gestells begibt, nutzt die Macht der Korporation nicht nur für seinen Lebensunterhalt, sondern auch, um individuelle Risiken zu minimieren.
So verstärkt der einzelne seine elementaren Strebungen ERLANGEN und VERMEIDEN indem er die Macht eines Metasystems in Anspruch nimmt.
Weiter zu Abschnitt 18






Samstag, 15. Dezember 2012

Kapitel 2 (16)

Zurück zu Abschnitt (15)
Wir können eine herabgefallene Tasse nicht samt Inhalt auf den Tisch zurückbewegen. Der Vorgang ist asymmetrisch in der Zeit – er lässt sich nicht umkehren. Wir können nur eine neue Welt erschaffen, in der ein Film vorwärts läuft, aber einen Vorgang rückwärts zeigt: eine Tasse setzt sich aus Splittern zusammen und springt auf einen Tisch, während sie sich mit Inhalt füllt.
WECHSELWIRKUNGEN ERSCHAFFEN DIE WELT UND IHRE ZEIT: OHNE WECHSELWIRKUNGEN GIBT ES KEINE ZEIT – diese Grundauffassung ist zunächst nichts als ein Versuch, die Perspektive zu wechseln und die Welt nicht mehr „objektiv“ und vom Standpunkt eines „unbeteiligten Beobachters“ zu sehen, der seinem freien Willen folgend etwas „feststellen“ wird.
Im Verhältnis zwischen Arzt und Patienten - insbesondere das zwischen Psychiater und psychisch gestörtem Menschen – spitzt sich die Aufgabe zu. Will ersterer eine „objektive Feststellung“ über den Gesundheitszustand des anderen treffen, dann muss er jeden störenden Einfluss der Apparatur oder seiner eigenen Anwesenheit vermeiden. Niemand aber bleibt vom Ortswechsel in einen Behandlungsraum, von der Anwesenheit eines Gegenübers im weißen Kittel, von der Konfrontation mit Untersuchungsgeräten unbeeinflusst, er wäre denn völlig apathisch. Vielleicht haben Sie ja schon selbst erlebt, dass sich Zahnschmerzen im Wartezimmer des Zahnarztes verflüchtigten.
Weiter zu Abschnitt (17)

Freitag, 7. Dezember 2012

Kapitel 2 (15)

Zurück zu Abschnitt (14)
· Wechselwirkung, Interaktion, scheint ein universales Phänomen zu sein. „Sein“ erfahren wir nur so, nur in dieser fortwährenden Dynamik. Unser Denken insbesondere ist ein unablässiger Austausch von „Signalen“ in den energetischen und stofflichen Wechselwirkungen des menschlichen Körpers mit seiner Umgebung.
· Es gibt keine Vergangenheit – jedenfalls können wir mit ihr nicht interagieren. Die unablässige Interaktion unseres Gehirns mit „Gedächtnisinhalten“, also unterschiedlich träge interagierenden chemischen oder elektromagnetischen Bereichen, erzeugt unsere Vorstellung einer Vergangenheit. Geschichte ist nichts als fortgesetzter Umgang mit „überkommenen“ – weil ebenfalls sehr träge interagierenden – „Spuren“, also irgendwelchen wenig veränderten Materialien. „Vergangenheit“ und „Geschichte“ sind Konstrukte und verändern sich natürlich auch fortwährend, weil sie nur in Interaktionen (etwa beim Lesen und Interpretieren eines Buches) einen Sinn erhalten.
· Interaktionen laufen nach „Mustern“ ab, die wir erkennen können, und zwar nicht nur, indem wir Vergangenes konstruieren.
Wenn man diesen Gedanken folgt, stößt man auf seltsame Phänomene: Die „wirkliche“ Vergangenheit liegt danach jenseits eines „Ereignishorizonts“, hinter den wir nicht zurück können. Das Nachdenken über „Zeitmaschinen“ und „Reisen in die Vergangenheit“ führt ja unter anderen zu dem bekannten und filmisch weidlich ausgeschlachteten Paradoxon, dass ein Zeitreisender seine eigene Mutter umbringen könnte und damit nicht existent wäre. Damit wäre aber auch sein gesamtes Handeln im Danach ausgelöscht. Konsequent zu Ende gedacht: jede solche Reise würde eine neue Welt mit anders gemischten Karten erschaffen. Jede Zeitreise wäre der Keim eines neuen Universums. Dennoch ist es nicht so, dass wir „gar keine Verbindung“ zur Vergangenheit haben: wegen der unterschiedlichen Trägheit der Wechselwirkungen „reiben“ wir uns ständig an den „Spuren“ – also an den langsamer interagierenden Bereichen unserer Umgebung. Dann konstruieren wir mittels unserer Fähigkeit zur Mustererkennung die Geschichte – zum Beispiel die des Grönlandeises. So erschaffen wir unsre Welt mit den dazugehörigen Meinungen und Theorien, die im selben, unfasslich kurzen Moment unveränderbar hinter dem Ereignishorizont versinkt.
Weiter zu Abschnitt (16)




Donnerstag, 6. Dezember 2012

Kapitel 2 (14)

Zurück zu Abschnitt (13)
Sie werden sagen: “Ein Stück Straße ist ein Stück Straße, und wenn ich mit einer Stoppuhr mit einem sehr genauen, festen Zeittakt messe, wie lange ich vom Anfang zum Ende diese Stückes zu gehen habe, bekomme ich mit v=s/t eine gute Beschreibung meiner Geschwindigkeit.”
Das ist richtig. Durch Ihre Messung werden weder die Straße noch die Uhr in irgendeiner Weise verändert, Weg und Zeit sind „feste“ Größen. Das gilt aber nicht mehr, wenn Sie sich einmal vorstellen, dass Sie ein winziges Elementarteilchen wären, etwa ein Neutron. Denn wie sollte ihr Taktgeber, ihre Uhr dann aussehen? Die genauesten Uhren arbeiten mit Schwingungen von Elementarteilchen; wenn Sie von ihnen „die Zeit nehmen“ wollten, müssten Sie mit ihnen in irgendeiner Form wechselwirken. Dadurch würden sie in jedem Fall die Uhr beeinflussen und das „Uhrenteilchen“ würde ihren Weg beeinflussen. In keinem Fall kommen Sie zu „Feststellungen“. Unsere Art der Geschwindigkeitsmessung führt nur innerhalb ganz bestimmter Größenverhältnisse der Interaktion zu brauchbaren „Feststellungen“: wenn nämlich die am Prozess beteiligten Partner weder zu heftig noch zu träge interagieren. Letzteres wäre in der Nähe sehr großer Massen – also eines „schwarzen Loches“ – der Fall, dessen Schwerefeld so überwältigend ist, dass es praktisch jeden Informationsaustausch „verschluckt“. Im Bereich der Elementarteilchen, wo die Gravitation kaum eine Rolle spielt, gibt die Quantenmechanik ein gutes mathematisches Modell. Es kommt nicht ohne Formeln – also Feststellungen – aus, entzieht sich aber dem Dilemma, indem es nur von Wahrscheinlichkeiten spricht und gemäß der Formulierung von Werner Heisenberg eine gewisse „Unschärfe“ oder „Unbestimmtheit“ bei den Messungen einkalkuliert. Für den Bereich sehr großer Massen (und Gravitation) liefert Einsteins allgemeine Relativitätstheorie haltbare „Feststellungen“, weil wir mit unseren Messgeräten nie in die Massenbereiche schwarzer Löcher oder auf das Tempo des Lichtes kommen. Natürlich erfordert es nach wie vor das entsprechende mathematische Rüstzeug, solche Theorien zu verstehen. Aber sie haben doch interessante, allgemein verständliche Konsequenzen für unser alltägliches Weltbild
Weiter zu Abschnitt (15)

Montag, 3. Dezember 2012

Kapitel 2 (13)

Zurück zu Abschnitt (12)
Heute wachsen einerseits die wissenschaftlichen Disziplinen zusammen, Natur- und Geisteswissenschaften müssen sich mehr als je aufeinander beziehen – andererseits werden Methoden und Arbeitsfelder kritisch überprüft und erweitert. Es ist höchste Zeit, sich auch mit dem Fühlen und Handeln des einzelnen Menschen, mit seiner Bindung an soziale Gruppen und Metasysteme methodisch neu auseinander zu setzen. Denn ebenso wenig wie die Newtonsche Mechanik uns das Wechselwirken von Elementarteilchen und Licht bei einem Laser verstehen hilft, taugt der vorgeblich unbeteiligte Blick der herkömmlichen Wissenschaft, der Standpunkt des „objektivierenden Subjektivismus“[1] dazu, menschliches Fühlen und Handeln einzuschätzen.
Werfen wir einen Blick auf die Methoden der Wissenschaft. Besonders in den naturwissenschaftlichen Richtungen wird ein mechanischer Grundzug deutlich: Sie operieren mit „Feststellungen“. Dabei geben sie Beobachtungen in der Natur, im Labor oder auch Annahmen und Behauptungen eine ganz bestimmte verbale oder in Formeln gekleidete Gestalt, etwa der Art „Geschwindigkeit errechnet sich aus der in einer bestimmten Zeit zurückgelegten Wegstrecke“: v=s/t. Solche „Feststellungen“ werden kommuniziert. Wenn über die verwendeten Begriffe – zum Beispiel „Geschwindigkeit“ - Einigung erzielt wurde, können alle mit der in der Feststellung enthaltenen Information nutzbringend umgehen. Feststellungen sind für sich genommen bedeutungslos, sie erhalten ihren Sinn und können nur dadurch wirken, dass sie in den Strom der unablässig ablaufenden Gedanken eingebracht werden: durch die Interaktion zwischen Menschen oder die Selbstinteraktion im Gehirn des einzelnen Individuums. Damit kommen wir zu einem wichtigen Paradox: wir beschreiben eine Welt, in der es nichts wirklich Festes gibt, mit etwas, das völlig unveränderlich bleiben soll – einem Buchstaben oder einem Begriff.
Weiter zu Abschnitt (14)

[1] Hans- Peter Padrutt „Der epochale Winter“, Zürich, Diogenes 1986


Mittwoch, 28. November 2012

Kapitel 2 (12)

Zurück zu Abschnitt (11)
Es ist kein Wunder, dass es Reformen im Management gegenüber den altbewährten Hierarchien schwer haben. Primaten- und Feudalrituale verfilzen sich mit den mechanischen Aufbauorganisationen Erst in den vergangenen fünfzig Jahren haben die Wissenschaften begonnen, den Standpunkt der Mechanik, den „objektivierenden Subjektivismus“ in Frage zu stellen. Er beherrscht unsere Wahrnehmung, unser gesamtes Denken, unsere Kultur, unsere Umgangsformen, weil er sehr erfolgreich war - bis hin zur Rechtfertigung von Massenkriegen und Massenvernichtung.
Die zunehmend an-Gestell-te Wissenschaft der letzten dreihundert Jahre hat eine nützliche Einteilung unterschiedlicher Räume für Wechselwirkungen eingeführt: physikalische, chemische, biologische, soziale, psychologische. Die Einteilung diente dazu, diese Räume zu erkunden und sie mit geeigneten Instrumentarien zu beherrschen. Immer aber trat dabei der forschende Mensch seinem Forschungs- Objekt als „unbeteiligter“ Beobachter gegenüber und betrieb eine Suche nach „objektiver Wahrheit“. Die Suche nach Gesetzen, die sichere Vorhersagen ermöglichen, hat enorme Veränderungen in allen Lebensbereichen bewirkt. Maschinen und Automaten vervielfachten die Warenproduktion, Chemie und Biologie insbesondere trieben die Hungersnöte aus großen Teilen der Welt. Die Arbeitsorganisation erreichte globale Ausmaße – die von ihr verursachten Katastrophen auch. Denn die an-Gestell-te Wissenschaft ist blind für viele von ihr heraufbeschworene Gefahren, weil sie selbst als Gestell strukturiert und organisiert ist. Der „Wissenschaftsbetrieb“ bringt die gleichen Szenarien und Rollenangebote für die Forscher, Laboranten und Hochschullehrer hervor, wie jedes andere Gestell.
Dietrich Schwanitz hat in seiner amüsanten SatireDer Campus[1] die Auswüchse des Lehr- und Wissenschaftsbetriebes an einer deutschen Universität gegeißelt - und damit bei Beamten und Angestellten (vor allem in den Führungsetagen) genau die apparathaften Rituale in Gang gesetzt, die er geschildert hatte. Er wurde als Nestbeschmutzer beschimpft und seine Schilderung als übertrieben abgetan. Das Rollenverhalten der sich beleidigt gebenden Kollegen bestätigte die Blindheit vieler Wissenschaftler gegenüber den kritikwürdigen Zuständen an ihrer Hochschule. Die eigene Stellung zu sichern - egal ob damit Stagnation bewirkt und folglich das Niveau von Lehre und Forschung preisgegeben wird - ist ihnen wichtiger, als eine Risikobereitschaft und Engagement erfordernde Arbeit an den veralteten Strukturen.
Weiter zu Abschnitt (13)

[1] Dietrich Schwanitz „Der Campus“, München, Goldmann 1996




Montag, 26. November 2012

Kapitel 2 (11)

Zurück zu Abschnitt (10)
Die Notlage in den Führungsetagen wird meist erst dann wahrgenommen, wenn Unternehmen am Abgrund stehen, oder wenn nach einem Firmenzusammenbruch Schuldige gesucht werden. Und spätestens hier wird auch deutlich, wo die Wurzel des Übels liegt: dass nämlich Organisationen und ihre Angestellten in der Regel in mechanischen Kausalzusammenhängen denken und gedacht werden, nach dem einfachen und jahrhundertelang erfolgreichen Prinzip von Ursache und Wirkung, ohne Sinn für komplexe organische Strukturen, für deren Wachstum und Dynamik. Demzufolge werden auch Probleme im Führungsbereich gewissermaßen „ingenieurtechnisch“ behandelt; es wird nach Instrumentarien gesucht, persönliche Mängel ab- und den geregelten Betriebsablauf wieder herzu-„stellen“ - als ob sich Persönlichkeitsstrukturen mit Stellschrauben bedienen ließen.
Versuchen Sie einmal, einen Vorgesetzten zu finden, der ungeschminkt gesteht, am liebsten nach der „3-K“-Methode (Kommandieren, Kontrollieren, Korrigieren) vorzugehen. Sie werden subtilste Verstecke und Variationen finden und bestenfalls eine sehr fintenreich ausgeführte Begründung, warum diese Methode - zumal in menschenfreundlich reformierter Form - unübertroffen ist. 1992 führte der Wirtschaftsjournalist Günter Ogger einen Großteil der deutschen “Wirtschaftseliten” als „Nieten in Nadelstreifen“ in seinem gleichnamigen Buch vor, es erreichte eine Millionenauflage. Die Frankfurter Autoren Rainer Popp und Jens- Christian Ludwig versuchten 1997, diesen Nieten undMonstern in Maßanzügenmit dem Vorschlag beizukommen, es mögen in den Unternehmen und Organisationen Vorgesetzte gewählt werden, wie in einer parlamentarischen Demokratie. „Bosse nach Wahl“ (so der Titel ihres Buches) hat es bis heute nicht gegeben, obwohl es 1998 kurzzeitig schien, als ob einzelne Unternehmen einem solchen Versuch eine Chance zugestünden.
Weiter zu Abschnitt (12)

Sonntag, 25. November 2012

Kapitel 2 (10)

Zurück zu Abschnitt (9)
Je höher ein Angestellter in den Verantwortungsebenen aufsteigt, je mehr er für die Arbeitsorganisation und damit die Arbeit anderer verantwortlich ist, umso weniger genügt die rein fachliche Qualifikation, umso mehr kommen Führungsqualitäten ins Spiel. Wie aber sollen sie wachsen, wenn die egalisierende, quantitativ fixierte Angestellten- Kultur allgegenwärtig ist - von der Schule über die Berufsausbildung und die Universitäten bis in die Medien hinein?
Denn mit dem explosiven Wachstum der großen Industrien und ihrer Arbeitsorganisation im 19. und 20. Jahrhundert wurde das individuelle Verhalten der Menschen in allen Bereichen immer stärker den Bedürfnissen der Technik angepasst. Insbesondere der Austausch von Informationen, im Zeitalter der Globalisierung wahrhaft der Lebensnerv, sollte möglichst vollkommen „objektiviert“, „versachlicht“, also von störenden emotionalen Einflüssen befreit werden.
Als Beispiel möge der Eisenbahner dienen, der Weichen nach den Vorgaben seiner Dienstordnung und der aktuellen Meldungen der Telefone bzw. Signalleitungen stellt. Seine Entscheidungen hat er so zu treffen, dass der Verkehr reibungslos läuft. Persönliche Spielräume, Spontaneität und Kreativität gehören nur ausnahmsweise zu seiner Tätigkeit; seine Gefühle und persönlichen Ansichten hat er auszublenden. Im Extremfall wird er zumRädchen im Getriebe“, das besinnungslos auch die Güterwagen nach Auschwitz am Rollen hält.
Über solche Auswirkungen des Industriezeitalters ist viel nachgedacht und geschrieben worden. Offensichtlich ist, dass die „Versachlichung“ der Informationsflüsse und Arbeitsabläufe in immer neue Schübe der Automatisierung und Rationalisierung mündet - der Mensch wird entbehrlich. Ein automatisiertes Stellwerk macht keine Fehler, es trinkt nicht und büßt nicht wegen eines Ehekrachs an Aufmerksamkeit ein.
Andererseits werden in Bereichen, wo Menschen nicht ersetzbar, möglicherweise sogar unentbehrlich sind, gefühlsbedingte Störungen deutlicher wahrgenommen: „Mobbing“, „Burn-out-Syndrom“, „innere Kündigung“: die Liste der Schlagworte wächst noch. Nun ist allgemeine Besinnung auf den Menschen als „wichtigstes Kapital“ zu beobachten. Der Erwerb und die Schulung „sozialer Kompetenz“ werden gefordert und alsbald werden Dienstleistungen auf den Markt geworfen, die - möglichst mittels eines Nürnberger Trichters im Drei- Tage- Seminar - quantitativ verfügbar machen sollen, was sich nicht quantifizieren lässt: menschliche Qualitäten.
Weiter zu Abschnitt (11)





Samstag, 24. November 2012

Kapitel 2 (9)

Zurück zu Abschnitt (8)
Es gehört wenig Phantasie dazu, sich Schadenfreude und Rachegelüste der neuen alten Untergebenen auszumalen. Viel interessanter ist, dass die redaktionelle Arbeit von diesen Vorgängen natürlich nicht profitierte und dass in der Folge unser Mann in eine andere Rolle geriet: zwischen die Mühlsteine. Der Direktion gegenüber musste er loyal sein, er durfte sich nicht noch einmal als Fehlbesetzung erweisen, denn das Scheitern in der neuen Position hatte sein Image grundsätzlich beschädigt. Die Mitarbeiter, die er mit seinem Plädoyer für einen externen Nachfolger vor den Kopf gestoßenen hatte, musste er auf Abstand halten und feindliche - also praktisch alle - Allianzen verhindern. Damit war eine gedeihliche Zusammenarbeit nicht mehr möglich; seine neue Rolle war, die Politik der Geschäftsführung nach untendurchzustellen“. Aus dem Abteilungsleiter wurde ein mutloser Nebendarsteller, der dafür bemitleidet werden wollte, dass er auch noch die dümmsten Anweisungen ohne Rücksicht auf die Qualität der Sendungen und die Interessen seiner Kollegen erfüllte.
Die Mitarbeiter praktizierten passende destruktive Gegenrollen. Die mit eigenem Gestaltungswillen verließen die Redaktion oder richteten sich in Nischen ein. Das Ende der Geschichte war, dass die Sendungen sich auf konfuse und gesichtslose Art dem anpassten, was überall gesendet wird und womit sich die Geschäftsleitung konfliktfrei arrangieren konnte. Niemandem würde es auffallen, wenn das Kulturmagazin dieses Senders durch irgend ein anderes Kulturmagazin ersetzt würde: Der Kampf um die Positionen im Gestell war wichtiger als der um das unverwechselbare Gesicht der Sendung.
Das ist das Dilemma: Je höher ein Angestellter in den Verantwortungsebenen aufsteigt, je mehr er für die Arbeitsorganisation und damit die Arbeit anderer verantwortlich ist, umso weniger genügt die rein fachliche Qualifikation, umso mehr kommen Führungsqualitäten ins Spiel. Wie aber sollen sie wachsen, wenn die egalisierende, quantitativ fixierte Angestellten-Kultur allgegenwärtig ist - von der Schule über die Berufsausbildung und die Universitäten bis in die Medien hinein?
Weiter zu Abschnitt (10)


Freitag, 23. November 2012

Kapitel 2 (8)

Zurück zu Abschnitt (7)

In den Gründerjahren des Privatfernsehens agierten Geschäftsleute, Akquisiteure für Werbung, Glücksritter und Boulevardjournalisten. Sie konnten sich glücklich schätzen, jemanden mit einiger Vorbildung in Kunst und Kulturgeschichte zu finden. Denn damals mussten sie noch in den klassischen Sparten, also auch im Feuilleton, mit den öffentlich-rechtlichen Programmen konkurrieren. Der Schauspieler reüssierte, weil er die Idealbesetzung für die freie Rolle war. Er kannte sich im Kulturressort aus und hatte Sinn für Qualität, ohne selbst alles besser wissen zu müssen. Er war kein Star mit Allüren, sondern ein erfahrener Mann fürs Nebenfach. Er hatte vollmundige Angeber als Regisseure scheitern sehen und verstand sich auf die Nöte freier Mitarbeiter, kurz: als Leiter einer Kulturredaktion konnte er Talente fordern und fördern und mit den unzulänglichen Mitteln des Neubeginns Sendungen zustande bringen, die den teuren Magazinen großer Fernsehanstalten in nichts nachstanden. Die Arbeitsatmosphäre in seiner Redaktion war aufgeschlossen; unterschiedliche Begabungen entfalteten sich, und der Mann war als Abteilungsleiter angesehen.
Natürlich gab es - wie überall im Gestell - Neider. Natürlich waren das die nächsten Mitarbeiter. Denn niemand glaubt fester an die eigene menschliche und fachliche Überlegenheit gegenüber dem Vorgesetzten, als die ihm unmittelbar untergebenen. Die Katastrophe begann, als ihm ein hoher Posten in der Administration angeboten wurde und er ihn akzeptierte. Er hatte nicht den Mut, darüber rechtzeitig mit seinen Mitarbeitern zu reden und insbesondere die Frage seiner Nachfolge zu klären. Fast alle fühlten sich dadurch übergangen und hofften zugleich, Anwärter auf die Redaktionsleitung zu sein. Der Aufsteiger aber befürwortete aus der höheren Ebene des Gestells einen externen Bewerber als neuen Ressortchef.
Dafür wurde er gehasst. Solchen Gefühlen begegnen Funktionäre der oberen Etagen üblicherweise mit Gelassenheit oder Zynismus; ernsthafte Gefahr erwächst ihnen nur auf gleichem oder höherem Niveau. Unser Mann aber hatte Pech. Die neue Funktion verlangte betriebswirtschaftliche und juristische Fähigkeiten; die schnellen Veränderungen in der Medienbranche ließen ihm keine Zeit, sich dafür zu qualifizieren. Er scheiterte, und die Geschäftsführung schickte ihn in einem Anfall falsch verstandener Loyalität auf seinen alten Arbeitsplatz zurück.
Weiter zu Abschnitt (9)




Donnerstag, 22. November 2012

Kapitel 2 (7)


Zurück zu Abschnitt (6) 
Die Strukturen des Gestells sind nicht einheitlich. Es kann sich um strenge Hierarchien mit Unterordnungsverhältnissen von militärischem Zuschnitt handeln: Arbeit wird nach Befehl und Gehorsam organisiert – so wie heute noch in vielen Fabriken in China und Südkorea. Bei einem patriarchalisch regierenden schwäbischen Mittelständler können sich Angestellte wohl fühlen, weil der Chef seine Mitarbeiter in familiärer Art fordert und fördert, von demokratischer Mitsprache aber wenig hält. Gleichwohl haben die Gestelle Eines gemeinsam: der Angestellte muss individuelles Verhalten, muss seine Interaktionen, sein Auftreten auf die Verhältnisse seiner Arbeitsumgebung einrichten. Das Gestell hält charakteristische Rollenangebote bereit - der Angestellte wird sich bemühen, die bestbezahlte zu ergattern und er wird fortan einen großen Teil seiner Energie darauf verwenden, nicht als Fehlbesetzung dazustehen.
Rollenverteilung im Theater und Rollenverteilung im Gestell können manchmal Biographien von erhellender Logik hervorbringen:
Ein Schauspieler wurde über viele Jahre am Theater und beim Fernsehen regelmäßig in Nebenrollen besetzt, die seiner beamtenhaften Ausstrahlung entsprachen. Er war keineswegs erfolglos, er wurde an namhaften staatlichen Bühnen beschäftigt, aber er war unzufrieden. Seine Laufbahn hatte an den großen Rollen vorbeigeführt: kein Hamlet, kein Faust, kein Mephisto oder König Lear kam in greifbare Nähe. Nicht einmal die lausigste Provinzbühne in Sachsen- Anhalt hätte ihm einen König anvertraut - außer vielleicht den etwas trotteligen im Weihnachtsmärchen. Kurzum: seine Karriere entfaltete sich vor allem in der Kantine, wo er seine besten Witze ebenso wie seine traurige Stimmung und Teile seines Einkommens im Kollegenkreis ausbreitete.
Das missfiel seiner Ehefrau - in der Ehe war er offensichtlich auch nicht der König - , und als Anfang der achtziger Jahre neue private Fernsehsender wie Pilze aus dem Boden schossen, drängte sie ihn, sich um eine Anstellung als Kulturredakteur zu bemühen.
Weiter zu Abschnitt (8)



Freitag, 2. November 2012

Kapitel 2 (6)

Zurück zu Abschnitt (5)
Das wäre vielleicht der Punkt, auf eine spezifische Moral des Angestellten zu sprechen zu kommen. Aber wir stoßen auf ein kompliziertes Gemenge: Nationalität, Ideologie, soziale Schichtungen und kulturelle Prägungen des 19. Jahrhunderts spielen gerade bei dem in Deutschland übermächtigen Bedürfnis nach sozialer Sicherheit ebenso mit, wie bei der Bereitschaft zur Illoyalität[1]. Dennoch scheint die Erfahrung des Angestellt-Seins die Oberhand zu gewinnen.
Jeder Teil des Gestells wird nur auf den jeweils günstigsten Angestellten, d.h. eine quantifizierbare Leistung zurückgreifen und wechselt ihn gegebenenfalls gnadenlos - also ohne „Moral“ - aus. Das ist ein - quantitativ - faires Verhältnis. Die Qualitäten des einzelnen über die schiere Funktion im Gestell, über den Arbeits-Marktwert hinaus sind zweitrangig, manchmal sogar störend. Sie müssen auch in den Augen des Angestellten selbst wertlos erscheinen - und dadurch sieht er sich zugleich ungerecht bewertet.
Sie kennen vielleicht den hübschen Spruch: „In jeder Organisation gibt es eine Person, die kompetent ist und bescheid weiß. Es kommt darauf an, diese Person zu finden und unverzüglich zu entlassen, damit die Organisation funktioniert“.
Menschen, die aus dem Gestell herausfallen, leiden psychisch. Sie verlieren das Selbstvertrauen und empfinden sich als „wertlos“. Dieses Gefühl wird von den Kulturverwesern des Gestells - den an-Gestell-ten Partei-, Gewerkschafts- und Medienfunktionären gepflegt und gehätschelt. Selbständig denkende und handelnd ihr Leben gestaltende Menschen brauchen nämlich weder Mitleid noch bevormundende Fürsorge. Aber innerhalb des Gestells werden ihnen kaum andere als die bezahlten Leistungen abverlangt und sie haben nie gelernt, ihre Qualitäten selbst zu erweitern und zu vermarkten. „Freigesetzt“ klingt ihnen wie „ausgesetzt“.
Für den Angestellten zählt nur eines: seine STELLUNG im GESTELL SICHERZUSTELLEN. Dann kann er im Brustton der Überzeugung seiner kochenden und Kinder erziehenden Frau erklären: „Was leistest du denn schon. Ich sorge schließlich für die Existenz".
Weiter zu Abschnitt (7)
Technorati-Markierungen: ,,,,,
 

[1] Margret Boveri „Der Verrat im 20.Jahrhundert“, Rowohlt, Hamburg 1956

Donnerstag, 1. November 2012

Kapitel 2 (5)

Zurück zu Abschnitt (4)
So wie der Günstling des Königs dessen Zorn muss der Angestellte fürchten, gegen die Maßgaben seiner Firma, gegen die ihm zugewiesenen Rolle in der Hierarchie - im Gestell - zu verstoßen. Das Schicksal eines einzelnen Unternehmens braucht ihm dabei nur so lange wichtig zu sein, als ihm seine Dienste hinreichend vergolten werden und nicht ein komfortablerer Platz in einem anderen Unternehmen, einer Behörde oder sonst einer Organisation winkt.
Der schnelle Zusammenbruch der DDR 1989 und die unaufhaltsame deutsche Vereinigung unter denWir sind ein Volk“ - Rufen der Bevölkerung des hinfälligenArbeiter-und-Bauern-Staateshaben weniger mit nationaler Sehnsucht - umso mehr mit der Tatsache zu tun, dass die DDR ein fast perfektes Gestell war. Spätestens 1972 waren im Osten Deutschlands die Unternehmer als soziale Schicht eliminiert. Freiberufler waren fast bedeutungslos. Imreal existierenden Sozialismus“ (zu diesem Begriff wird später noch einiges zu sagen sein) gab es praktisch nur Angestellte. Deren Loyalität gegenüber dem Großkonzern DDR mit seinen vielen Tochterunternehmen - den Kombinaten der Industrie, den Produktionsgenossenschaften in Handwerk und Landwirtschaft, den Heerscharen von Behördenangestellten - war durch nichts leichter und zugleich nachhaltiger zu erschüttern, als durch die Aussicht auf viel bessere Anstellungsverhältnisse in den Unternehmen und Organisationen des Westens. Deren marktwirtschaftlicher Erfolg erschien via Werbefernsehen und Intershop zum Greifen nah und zugleich unerreichbar fern.
Tatsächlich trägt die deutsche Vereinigung Züge derfeindlichen Übernahmeeines bankrotten Unternehmens durch einen starken Konkurrenten. Besonders deutlich wird das im jahrelangen, von Korruption, Schiebungen, Erpressungen begleiteten Agieren der „Treuhandanstalt“. Und nicht zuletzt dieStaatsdienerin Polizei, Armee und Verwaltung verhielten sich in der Mehrheit vollkommen anpassungsbereit gegenüber einer Gesellschaft, die ihrer alten Unternehmensführung als schlimmster Feind galt, alsKlassenfeind“ - in der quasireligiösen Ideologie der totalitären Parteien also als der Teufel. Das schmälerte selbst bei hohen Offizieren, die bis zum Herbst 1989 glaubwürdig ihre Bereitschaft zum Atomschlag gegen den Klassenfeind bekundeten, nicht die selbstgewisse Bereitschaft, sich bei Militär, Polizei oder Geheimdienst der fusionierten Deutschland AGeben des Teufelsanstellen zu lassen. Der Erfolg gab vielen Recht.
Weiter zu Abschnitt (6)





Montag, 29. Oktober 2012

Kapitel 2 (3)

Zurück zu Abschnitt (2)
Am Ende bleibt eigentlich nur eine - neue - Angst: aus dem Gestell herauszufallen.
Auf diese Angst - wie auf die meisten Bedürfnisse und Konflikte - reagieren Menschen nicht mit Verhaltensweisen, die sich von denen ihrer Urahnen grundsätzlich unterscheiden. Unsere emotionale Grundausstattung hat sich in Jahrhunderttausenden der Interaktion mit anderen Menschen und natürlicher Umwelt als erfolgreich erwiesen und – nach allem was wir darüber sagen können - weitgehend erhalten. Wie wir Gefühle sprachlich und in Umgangsformen äußern, ist zwar sozial und kulturell modifiziert, die wesentlichen Ausdruckssignale aber, unsere Mienen, Gesten, Laute sind viel älter und in der Wechselwirkung von Hirn, Nerven und Körper viel tiefer eingewurzelt als die stark kulturabhängige Sprache – auch das zeigen neueste Untersuchungen von Hirnforschern.
Nun mobilisieren Konflikte in der modernen Arbeitswelt nicht nur die rationale, sprachliche Reflexion sondern die gesamte psychische Ausstattung - und gehen mit den gleichen Ängsten und ihnen folgenden Strategien des Erlangens und Vermeidens einher, wie Konflikte in einer Sippe der Steinzeit. Mitten in all unseren Errungenschaften der Informationstechnologie laufen dieselben heftigen Gemütsbewegungen ab, wie bei Sophokles oder Shakespeare. Nur die äußeren Bedingungen haben sich geändert: das Gestell schränkt zeitweise Formen der Interaktion ein, es erlegt den Angestellten Zwänge in ihrem Ausdrucksverhalten auf.
Lesen Sie weiter in Abschnitt (4) über “Lachen an der falschen Stelle”





Sonntag, 28. Oktober 2012

Kapitel 2 (2)

“Die Erschaffung des An-Gestell-ten” ist dieses Kapitel überschrieben; hier geht’s zum Abschnitt (1)

Im Geld verschwindet aber zugleich jede Eigenartes quantifiziert alles. Selbst Beziehungen zwischen Menschen kann es die Eigenart austreiben: es bleiben käufliche Dienste übrig, bei denen egal ist, wer sie nutzt oder erbringt. Anderseits kann der Einzelnen seine Existenz nicht auf Qualitäten aufbauen, die am Markt nicht gefragt sind. .
Wir landen bei dem bekannten Paradox, dass eine allein erziehende Mutter, mit Hingabe, Kreativität und Sachverstand im Haushalt tätig, liebevoll um das Heranwachsen ihrer Kinder bemüht, auf staatliche Fürsorge angewiesen ist und keinen Rentenanspruch erwirbt, dass ein leidenschaftsloser Pauker dagegen um Einkommen und Altersversorgung nicht bangen muss, ebenso wenig wie die für Schule und Sozialhilfe zuständigen Angestellten. Ihnen muss das Schicksal von Kindern allenfalls dann nicht mehr Wurst sein, wenn überforderte Mütter ihren Nachwuchs krankenhausreif geprügelt haben oder dessen Heimeinweisung wegen unaufhaltsamer Neigung zur Kriminalität ansteht. Die Verantwortung hatte die Mutter; bezahlt wurden andere.
Angestellt zu sein ist in den entwickelten Industrieländern fast zur einzig möglichen Lebensform geworden. Es gilt als Katastrophe, seine Anstellung zu verlieren und „arbeitslos“ zu werden. Das ist eine verräterische Ausdrucksweise, die „Arbeit“ mit „Anstellung“ gleichsetzt und das Leben außerhalb der Anstellung abwertet − als ob man nicht auch als Selbständiger oder einfach als Hausfrau und Mutter vollwertig arbeiten könnte.
Das System, Einkommen als Angestellter zu erwerben - nennen wir es mit Martin Heidegger einfach „das Gestell“ - sichert großen Massen von Menschen die Existenz, es strukturiert fast allgegenwärtig die Arbeitswelt und fast jede Arbeitsorganisation setzt auf dem Gestell auf. Wer an-Gestell-t ist, muss Unwetter und Missernten kaum noch fürchten, auch nicht, dass er als selbständiger Handwerker mit seiner Werkstatt wegen neuer Produktionsverfahren Pleite geht. Er verfügt über relativ sicheres Einkommen, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung (die eigentlich eine Versicherung gegen das Nicht-angestellt-Sein ist), kurz: er hat mehr gegen all die vielen Existenzängste und für die Sicherheit getan als irgendeiner der in Jahrtausenden verblichenen Vorfahren.
Am Ende bleibt eigentlich nur eine - neue - Angst: aus dem Gestell herauszufallen.
Weiter zum Abschnitt (3)




Eigensinn verpflichtet! » Leben Lesen

Gadget

Dieser Inhalt ist noch nicht über verschlüsselte Verbindungen abrufbar.