Sonntag, 25. November 2012

Kapitel 2 (10)

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Je höher ein Angestellter in den Verantwortungsebenen aufsteigt, je mehr er für die Arbeitsorganisation und damit die Arbeit anderer verantwortlich ist, umso weniger genügt die rein fachliche Qualifikation, umso mehr kommen Führungsqualitäten ins Spiel. Wie aber sollen sie wachsen, wenn die egalisierende, quantitativ fixierte Angestellten- Kultur allgegenwärtig ist - von der Schule über die Berufsausbildung und die Universitäten bis in die Medien hinein?
Denn mit dem explosiven Wachstum der großen Industrien und ihrer Arbeitsorganisation im 19. und 20. Jahrhundert wurde das individuelle Verhalten der Menschen in allen Bereichen immer stärker den Bedürfnissen der Technik angepasst. Insbesondere der Austausch von Informationen, im Zeitalter der Globalisierung wahrhaft der Lebensnerv, sollte möglichst vollkommen „objektiviert“, „versachlicht“, also von störenden emotionalen Einflüssen befreit werden.
Als Beispiel möge der Eisenbahner dienen, der Weichen nach den Vorgaben seiner Dienstordnung und der aktuellen Meldungen der Telefone bzw. Signalleitungen stellt. Seine Entscheidungen hat er so zu treffen, dass der Verkehr reibungslos läuft. Persönliche Spielräume, Spontaneität und Kreativität gehören nur ausnahmsweise zu seiner Tätigkeit; seine Gefühle und persönlichen Ansichten hat er auszublenden. Im Extremfall wird er zumRädchen im Getriebe“, das besinnungslos auch die Güterwagen nach Auschwitz am Rollen hält.
Über solche Auswirkungen des Industriezeitalters ist viel nachgedacht und geschrieben worden. Offensichtlich ist, dass die „Versachlichung“ der Informationsflüsse und Arbeitsabläufe in immer neue Schübe der Automatisierung und Rationalisierung mündet - der Mensch wird entbehrlich. Ein automatisiertes Stellwerk macht keine Fehler, es trinkt nicht und büßt nicht wegen eines Ehekrachs an Aufmerksamkeit ein.
Andererseits werden in Bereichen, wo Menschen nicht ersetzbar, möglicherweise sogar unentbehrlich sind, gefühlsbedingte Störungen deutlicher wahrgenommen: „Mobbing“, „Burn-out-Syndrom“, „innere Kündigung“: die Liste der Schlagworte wächst noch. Nun ist allgemeine Besinnung auf den Menschen als „wichtigstes Kapital“ zu beobachten. Der Erwerb und die Schulung „sozialer Kompetenz“ werden gefordert und alsbald werden Dienstleistungen auf den Markt geworfen, die - möglichst mittels eines Nürnberger Trichters im Drei- Tage- Seminar - quantitativ verfügbar machen sollen, was sich nicht quantifizieren lässt: menschliche Qualitäten.
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