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Donnerstag, 11. September 2025

Erwünschte Entfernung

Mit fortschreitendem Alter stellt sich immer dringlicher die Frage, wofür einer seine Energien einsetzen will, von welchen Arbeitsfeldern er sich besser zurückzieht, weil Aufwand - also knapper, kostbarer werdende Lebenszeit - und Nutzen - also der Gewinn an Zufriedenheit, zu dem wohl auch das Einkommen beiträgt - nicht mehr in vernünftigem Verhältnis stehen.

Im Journalismus war mein erwartbarer Gewinn an Zufriedenheit schließlich ebenso dramatisch geschrumpft wie meine Möglichkeiten, unerfreulichen Entwicklungen auf diesem Arbeitsfeld zu wehren. Die Situation war - insbesondere was das Fernsehen anlangt - jener zu vergleichen, in der ich mich seit Anfang der 80er Jahre in der DäDäÄrr befand: Mit unvertretbarem Kraftaufwand versuchte ich damals, quadratzentimeterweise auf Theaterbühnen Handlungsfreiheiten zu behaupten. Das erwies sich als sinnlos, weil immer genügend Bereitwillige verfügbar waren, mich zu verdrängen, meine Positionen zu besetzen. Der Staat konnte meine jederzeitige Ersetzbarkeit zur Erpressung nutzen, er versuchte, mich in den Mainstream des Gehorsams zu zwingen. Ich gab nicht nach, ich stieg aus. Die Nachfolger machten Karriere - einige besonders Stromlinienförmige auch nach dem Zusammenbruch der DäDäÄrr im vereinigten Deutschland; nicht nur sie verdarben mir die Lust, jemals wieder an Stadttheatern zu inszenieren. Mit der Hochachtung für die oppositionellen Autoren, Regisseure, Schauspieler, Bühnenbildner und anderen mutigen Mitarbeiter der Theater in totalitären Staaten wuchs meine Enfernung zu den bequemen Salonrevoluzzern des Westens. Ähnliches hat Liao Yiwu in China erlebt. Das Radiofeature über ihn und seinen Roman "Für ein Lied und hundert Lieder" zeigt, wie nahe sich der aus China und der aus der DäDäÄrr "entfernte" sind.
Ersetzbarkeit ist das Mittel der Erpressung in allen Sozialsystemen - das war keine gänzlich neue Einsicht meiner Tätigkeit als Journalist in den vergangenen zwanzig Jahren. Diese Einsicht, ihre sozialen Hintergründe, ihre Konsequenzen flossen in mein erstes Buch "Der menschliche Kosmos" ein: 2006 begann mit seinem Erscheinen mein Ausstieg aus dem Fernsehen. Es hatte wirkliche Höhepunkte, Erfolge gegeben, die dem Funktionieren demokratischer Strukturen und dem Auftrag öffentlich-rechtlicher Anstalten Ehre machten.
Die Entwicklung aber macht aus Journalisten zunehmend Erfüllungsgehilfen. Quotenvermutungen bestimmen fast ausschließlich, welche Themen ins Programm kommen; statt journalistisch distanzierter Haltung beim Berichten und womöglich quer stehender eigener Meinung beim Kommentieren richten sich Stellungnahmen an minder qualifizierten Prominenten oder politisch korrekten Experten aus. Es ist egal, ob die vermeintlichen Gewissheiten von heute sich morgen als Unsinn erweisen: Hauptsache schnellstens auf der "richtigen" Seite dabeisein, Hauptsache Quote.
Für mich wurde es höchste Zeit, mich aus diesem Geschäft zu verabschieden, nur noch das zu tun, was mit meiner Haltung vereinbar ist: So wenig wie der staatlich verordneten Monokultur im Osten werde ich der auf Konformismus zielenden Monokultur des Mainstreams zuarbeiten. Es gibt Wichtigeres - sogar Wichtigeres als Geld.

2022 ergab sich die Möglichkeit, als Autor für das von Oliver Gorus neugegründete Magazin "Der Sandwirt" zu arbeiten, im Oktober 2024 erschien - auch als Podcast - eine Version "3.0" von "Der menschliche Kosmos". Danach stellte sich die Frage vom Anfang dieses Artikels neu. Die insbesondere und seit dem Corona-Geschehen veränderte politische und Medienlandschaft legen mir nahe, meine "Restlaufzeit" nicht in den Schützengräben ideologischer Kriege zu verbringen. Deshalb werde ich dieses Weblog nicht weiterführen.

Gute Wünsche an alle Leser: Bleiben Sie selbständig im Denken und unerschütterlich im Ringen um die Freiheit - nicht nur der Meinung.

Sonntag, 16. Mai 2021

Niemals fertig, immer besser: ein Buch zum Mitdenken

 So war's von Anfang an gedacht: Wer liest, soll fragen. Und genau das hat auch der Autor getan, immer wieder nachgefragt, die veränderten Kontexte der Zeit berücksichtigt, neues Wissen und die intelligenten Beiträge anderer aufgegriffen.

Darüber ist er 70 Jahre alt geworden - ein alter weißer Mann - und dass er einmal weise werden könnte, erscheint ihm ebenso schwer vorstellbar wie dass er Kindheit, Jugend, Studium und Lebenspraxis mit allen Sensationen, Fehlern, Überraschungen, Niederlagen und Glücksmomenten für wiederholbar, geschweige korrigierbar hielte. Leben ist Geschenk - und was daraus wird, hängt von derart vielen, unbeeinflussbaren Faktoren ab, dass einam nur die Wahl bleibt, lebenslang zu lernen.


Schönstes Geschenk zum 70sten: Die Neufassung von "Der menschliche Kosmos", und dass es wieder im Salier Verlag Leipzig erschien, mit dem mich seit 2006 alle meine Bücher verbinden.

Neu ist - neben vielem anderen - das Vorwort. Weil es von Herzen kommt, sei's hier als neue Leseprobe eingefügt. Lust auf mehr kann sich holen, wer die im Blog veröffentlichten Kapitel der Erstausgabe von 2006 anschaut. Viel Vergnügen.

Vorwort in eigener Sache - aber nicht nur

Im Jahr 2016 – ich hatte gerade das Rentenalter erreicht – machte ein Freund namens Hein der Frau meines Herzens einen unwiderstehlichen Antrag. Sie wies ihn ab. Er hinterließ ihr als Andenken einen Flug im Rettungshubschrauber, allerlei bunte Komaträume und uns beiden viele, viele Gründe uns zu freuen: Dass Shi Qin wieder selbständig atmete, das Bewusstsein wiedererlangte, allerlei Schläuche loswurde, die sie am Leben gehalten hatten, zum ersten Mal vom Rollstuhl aus die Koi im Teich und die wilden Erdbeeren im Park der Klinik betrachtete. Fünf Monate nach dem Antrag machte sie die ersten Schritte ohne Rollator am Ufer der Oos im schönen Baden-Baden, trat in einen Hundehaufen – was angeblich Glück bringen soll, uns aber sogleich erinnerte, dass selbst dieses Paradies nicht frei von Übeln ist.

Viele wirkliche Glücksmomente kamen seither hinzu, früher Selbstverständliches wurde lustvolles neues Erleben, gar Abenteuer. Wir sind Ärzten, Physiotherapeuten, Logopäden, Pflegekräften, Freunden, zahl- und namenlosen Helfern im Hintergrund von Herzen dankbar, weil es ohne sie dieses Glück nicht gäbe.

Gut möglich, dass es auch die Neufassung dieses Buches nicht gäbe, denn zum einen halfen Kenntnisse und Erfahrungen, die schon die Erstauflage enthielt, bei der Rehabilitation; zum anderen wurde die Strategie des Froschs im Sahnetopf bestätigt: Wenn du dich nicht aufgibst, sondern strampelst, wird aus der Sahne Butter, dann kommst du aus dem fetten Elend heraus: froh und munter, sogar um einiges stärker und klüger.

Und da die Beweggründe nicht entfielen, aus denen ich „Der menschliche Kosmos“ geschrieben habe, weder die Sorgen, Konflikte und Ärgernisse noch die ermutigenden, bewährten Methoden des Perspektiv- und Strategiewechsels, dürfen meine Frau und ich uns aufs Erscheinen von „Kosmos 2.0“ freuen.

Auch dabei hatten wir sachkundige Hilfe und danken unseren Freunden und Verlegern: Hans-Jürgen Salier nahm schon 2004 mein Manuskript in seinem Hilburghäuser Verlag Frankenschwelle an, sein Sohn Bastian publizierte es als eines der ersten im 2006 neugegründeten Salier Verlag in Leipzig – der Anfang einer wunderbaren Zusammenarbeit.

Bald werde ich 70. Der Blick aufs Weltgeschehen bietet nur hartgesottenen Ignoranten rosige Aussichten, und nur Frösche, die gern in fetter Sahne ersticken wollen, können die Füße ruhig halten. Keine Ahnung, wie lange Zeit und Kräfte für anhaltend munteres Strampeln ausreichen. Keine Ahnung, wie groß der Topf ist, wieviele andere am rettenden Boden unter den Füßen mitarbeiten. Immerhin gibt es sie. Vielleicht gehören Sie, geneigte Leser, dazu: Es wäre uns eine große Freude. Freund Hein, alias „der Gevatter“ darf im Buch nochmal auftreten – er hat aber auch hier nicht das letzte Wort.

 

Donnerstag, 22. März 2018

Online Lesen: "Der menschliche Kosmos"

Vor längerer Zeit hatte ich zum Thema "Gratiskultur" gepostet. Der Entschluss, mein Buch "Der menschliche Kosmos" ausschnittweise hier im Weblog zu veröffentlichen, ist konsequent, indessen keineswegs uneigennützig, denn dabei kann ich den Text aus dem Jahr 2006 abschnittsweise überarbeiten; dafür hat sich seither angesichts globaler, mehr noch politischer Entwicklungen in Deutschland reichlich Stoff angesammelt. Wer mag, kann mit dem Originaltext vergleichen.

Das Buch erschien erstmals 2006 - es wächst
VORWORT

Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.
Das gilt für den Einzelnen, der kaum längere Zeit ungesellig leben kann, wenn er essen, trinken, sich warm halten und soziale Grundbedürfnisse befriedigen will.
Das gilt für die Gattung in einer enger werdenden Welt mit knappen Ressourcen und begrenzten Räumen. Zwar werden natürliche Katastrophen unsere Spezies immer gefährden – niemals werden sich Erdbeben, Überflutungen, Brände, Seuchen, Einschläge von Asteroiden oder kosmische Strahlung gänzlich beherrschen lassen - aber wir stehen heute mehr denn je vor der Frage, ob nicht menschliches Handeln, ob nicht seine Formen sozialer Interaktion das eigentliche Problem sind.
Können wir Konflikte zwischen konkurrierenden Gruppen - Nationen, Kulturen, Ethnien, Religionen, Konzernen, Banken, Regierungen, Parteien oder sonstiger (an Stämme der Steinzeit erinnernder) Organisationsformen – anders als durch Gewalt lösen? Sind nicht aggressive Strebungen, Dominanzwünsche und Gewalt elementare Strategien des Überlebens?
Gewalt als Schlägereien, Revolten, Kriege und Terrorattacken hat es immer gegeben, sie dauert fort und findet neue Formen im Cyberspace. Der Einzelne hatte wenig mehr als den Zufall auf seiner Seite, wenn es ums Überleben ging. Die naturwüchsige Strategie von Herden, Schwärmen, Sippen, Horden, Banden verbesserte seine Chancen, alle profitierten vom Schutz, vom Fortbestand der Gemeinschaft, Verlierer blieb immer der Einzelne. Ähnlich verhält es sich mit Strategien der stammeskulturell geprägten Meute, des Mobs, der Staaten, Unternehmen und Verbände aller Art.
Mit der Entwicklung moderner Staaten und Firmen samt Heeren von Arbeitern und Angestellten wird das Phänomen struktureller Gewalt interessant: Es gibt Organisationen, die nach außen und innen rücksichtslos ihre Interessen zur Selbsterhaltung durchsetzen - gegen Leib und Leben des Einzelnen, gegen die Konkurrenz, das Gemeinwesen und gegen die Natur.  Sie trachten danach, sich mit besonderen Rechten auszustatten - auf nationaler, zunehmend supranationaler Ebene, so dass weder sie selbst noch irgend eines ihrer Mitglieder für jede Art Fehlleistung in Haftung zu nehmen wären. Solche Organisationen versuchen mit legalen oder kriminellen Mitteln, die Grundlage allgemeinen Rechts zu usurpieren: das "Gewaltmonopol des Staates". Dass Konflikte eskalieren, dass sie in vollkommene Zerstörung münden, nehmen sie schlimmstenfalls in Kauf. Sie stellen die ihnen zugehörigen Menschen von Verantwortung frei und machen sie zu willfährigen Handlangern.
Der Vorgang wird an den totalitären Systemen des Kommunismus und Nationalsozialismus deutlich. Religiöse oder andere ideologische Verklärungen von Gewalt gab es seit je - hier nahmen sie im Deckmantel von Heilsversprechen an ihre Gefolgschaft die Dimension von Genoziden und Weltkriegen an. Angesichts globaler Auswirkungen, die seit dem 20. Jahrhundert sowohl mit Kriegen unmittelbar, als auch mit Angriffen auf Energie- oder Finanzwirtschaft, Informations-und Versorgungssysteme einhergehen, ist zu fragen, ob Konflikte zwischen Menschen auch künftig so unvermeidlich und unbeherrschbar bleiben wie Naturereignisse.
Lässt sich das Verhalten von Milliarden Menschen nicht auf ein friedliches, ausbalanciertes Zusammenleben hin beeinflussen, auf kooperative Strategien der Individuen und ihrer Organisationen, zum Nutzen der Gattung mit ihrer Kultur (Technik) und der sie umgebenden Natur? Derzeit erscheint das - mit dem Blick auf politische Realitäten - als Wunschtraum.
Zweierlei zumindest ist sicher:
  • Konflikte sind unvermeidlich; sie erzeugen die Dynamik zwischen Gruppen von Menschen ebenso wie zwischen Individuen und dem gesamten Umfeld, mit dem wir alle interagieren: mit der Welt.
  • Konflikte werden in Zukunft ALLE betreffen. Die globale Wirtschaft wird es unvermeidlich geben und damit wechselseitige Abhängigkeiten aller von (fast) allen. Das betrifft die natürlichen Ressourcen ebenso wie den Informationsaustausch.
Angesichts dieser mit dem abgedroschenen Begriff "Komplexität" unzulänglich beschriebenen Lage ist nichts verdächtiger als Heilslehren.
(Fortsetzung - Abschnitt 2)

Donnerstag, 26. Januar 2017

Kapitel 6 (4)

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Ludwig XIV. - "Sonnenkönig" von Frankreich
Vor jedem Handeln liegt eine Entscheidung. In den allermeisten Fällen sind wir uns dieser Entscheidungen nicht bewusst. Wenn wir zurückschauen, ergibt sich fast ausnahmslos, dass einer der Handelnden die Tendenz hatte zu dominieren. Es gab immer einen Sieger, einen „Hammer“ und einen „Amboss“. Unsere Geschichtsschreibung und insbesondere die Massenkultur suggerieren, dass ein Sieg, dass das Beherrschen des Gegners wünschenswert ist: „The Winner Takes it All“. Egal was die Siege kosten – sie sind zunächst und vor allem Siege. Diesem Prinzip ist der Mensch seinem Mitmenschen und seiner natürlichen Umwelt gegenüber einige Jahrtausende hindurch gefolgt, und er beherrscht sie mit seinem bewundernswert entwickelten Instrumentarium heute in Bereichen, von denen nur Visionäre vor hundert Jahren träumten. Überschallflüge, Raumgleiter, Tiefseetaucher, Rasterkraftmikroskope für Millionstel Millimeter kleine Räume, Laserimpulse von gewaltiger Energiedichte, die so kurz sind, dass sich 10 –15 Sekunden kurze Prozesse im Zellinneren fotografieren lassen. In den Medien jagen sich die Meldungen von immer mächtigeren Wirtschaftsunternehmen und Supercomputern, gentechnischen Wunderwaffen gegen Krankheiten; bald sollen Roboter, so klein wie Bakterien, unsere Körper durchwandern, diagnostizieren und reparieren.
Noch mehr fesseln das Publikum und die für Werbeeinnahmen zuständigen Medienmanager allerdings Nachrichten von Katastrophen: Wirbelstürme, Killerviren, abstürzende Jets, Massenmorde, Erdbeben. „Wird es schlimmer?“ fragen die Journalisten mit Mienen voller Besorgnis, „Und wenn ja: WARUM? UND WER IST SCHULD?“
Sie sollten sich damit nicht weiter quälen. Wir sind einfach dabei, uns zu Tode zu siegen. Das ist ganz normal, denn jede Strategie ist eine Strategie zum Tod. Solange wir dem Dominanzprinzip huldigen, die Welt als Maschine betrachten, deren Rädchen nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung ineinandergreifen und nach dem Warum fragen, wenn uns ein Kampfhund in die Nase beißt, sind die Tage menschlicher Existenz ebenso gezählt, wie die Minuten eines Igels, der sich vor einem Vierzigtonner zusammenrollt.
Bevor in einer Interaktion eine Entscheidung fällt – also andauernd im „Rhythmus von Millisekunden“ – ist in einem komplexen Prozess die Auswahl einer bestimmten Strategie abgelaufen. Jede Lebensform entscheidet sich für diejenige, welche das Wünschenswerte antizipiert. Um es noch einmal ganz deutlich zu unterstreichen: Entscheidungen und Handeln sind von Zielen bestimmt, nicht von Ursachen, die „innere Matrix“ liefert dafür die Strategien. 99 % der Entscheidungen erfolgen unbewusst. Und die gewählten Strategien laufen ganz und gar nicht immer auf Dominanz hinaus, sondern – Sie können es vielleicht schon nicht mehr hören – auf das Erhalten dynamischer Gleichgewichte. Dabei konkurrieren Strategien mit äußerst unterschiedlichen Zeithorizonten, die sich im Laufe des Lebens obendrein sehr verändern. Bewusst wird von diesem permanenten „Streit der Gefühle“ das wenigste.
Aber unsere Wahrnehmung ist retrospektiv. Wir schauen auf das Ergebnis und interpretieren es auf Ursache und Wirkung hin. Wir konstruieren Wirklichkeit über Blicke in den Rückspiegel, während das Leben unablässig weitergeht – und wir von der Realität vor uns, von der Zukunft, nichts wissen können. Wir können nur aus statistischen Daten eine mögliche Zukunft modellieren. Das funktioniert erfahrungsgemäß ganz gut, aber es bleibt eben ein Modell, das von Daten aus dem Rückspiegel lebt. Realität: Die Nase blutet, der Rottweiler ist weg. Konstrukt, um sicheres Verhalten gegen künftig auftauchende Beißer herauszufinden: „Was habe ich falsch gemacht? Warum hat er gerade mich gebissen?“ Außer der Frage war nichts falsch. Es war Glück.
Der Rottweiler antizipierte eine leichte Beute und hätte sicher weiter gespielt. Er hätte Sie gern zum apportierbaren Fleischklumpen gemacht, aber ein Pfiff seines Herrn, eines strengen Dominanzanhängers, hielt ihn ab. Hasso wollte, statt seinem Instinkt zu folgen, lieber schwerste Prügel vermeiden: Ziel und Strategie wechselten blitzschnell. So weit die Realität. Ebenso naheliegende wie fragwürdige Schlüsse:
  • Alle Rottweiler sind bissig – meide sie!
  • Leinenzwang für Hunde muss überall gelten!
  • Das Halten bissiger Hunde muss verboten werden!
  • Hundehalter brauchen einen Hunde-Führerschein!
  • Hunde dürfen nur in umzäunten, mit Warnhinweis ausgewiesenen Gebieten frei laufen!
Jeder dieser Schlüsse zieht Verhaltensszenarien nach sich. Besteht auch nur eines die Prüfung auf Realitätstauglichkeit? Schon Versuche, in Verkehrsmitteln oder an öffentlichen Plätzen, wo sich Menschen drängen, einen Zwang zu Leine oder Beißkorb durchsetzen zu wollen, sind hoffnungslos gescheitert. Tucholskys Glosse über Hunde und Hundehalter ist aktuell wie je.
Welche Vielzahl von Strategien wir einsetzen, habe ich in dem (nicht im Weblog publizierten) Kapitel über die „wortlose Weltsprache”, den körperlichen, nonverbalen Teil der Kommunikation, angedeutet – auch dass unsere Wahl- und Entscheidungsfreiheit ziemlich beschränkt ist. Aber dieses zusätzliche Instrument – Sprache und sprachliches Bewusstsein –, das uns vom Igel unterscheidet, können wir zu Anderem nutzen, als nur um zu dominieren. Wir können uns bewusst machen, dass Dominanz nur den engsten Zeithorizont erfasst und als singuläres Verhältnis in dynamischen Systemen auf Stillstand und Chaos – also Tod hinausläuft.
Anschaulich gesprochen: wenn wir unseren Trieben, Wünschen und Lüsten samt ihren mechanischen Rechtfertigungen („wenn ich’s nicht tue, tut’s ein anderer“, „schließlich machen es alle so“) folgen und despotisch durchsetzen „was das Herz begehrt“, zerstören wir uns selbst. Anarchie ist insofern nur die Kehrseite des Despotismus, dem sie zu trotzen behauptet. Sich jederzeit möglichst nach Lust und Laune verhalten zu können, erscheint vielen wünschenswert und entspricht kindlichen Vorstellungen von „Freiheit“. „Keine Macht für niemand“ oder „Gebt den Kindern das Kommando“, so wird gesungen und skandiert. Es sind Despotenträume.

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Donnerstag, 15. Dezember 2016

Kapitel 5(Schluss)

Museo nazionale del Cinema - Cabiria (Turin)
Moloch (von Jean-Pierre Dalbéra from Paris, France (Le musée du cinéma #Turin#) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons)
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Was also bitte ist soziale Gerechtigkeit? Wirklich die Frage einer quantitativen Egalité im Einfamilienhaus mit Wunschauto?
Es gibt Menschen, die wollen kein Haus, es gibt Menschen, die wollen kein Auto.
Es gibt Menschen, die wollen keine An-Gestellten sein.
Eine Minderheit.
Es gibt Menschen, denen ist mit noch so üppigen Mindeststandards nicht zu helfen, weil sie verrückt sind, süchtig oder sterbenskrank.
Arme Schweine. Die brauchen natürlich Fürsorge.
Höre ich da Mitleid? Oder handelt es sich nicht genau um das Mitleids-Ritual, das die Begünstigten der An-Gestellten-Gesellschaft anstimmen, um eigene Ängste und die von ihnen billigend in Kauf genommenen Risiken und Katastrophen wegzuschieben, um weiter die Sozialsysteme ausbluten zu lassen, indem sie Verantwortung delegieren und auf unerfüllbaren Forderungen an das Gemeinwesen beharren? Um weiter Konflikte zu ignorieren, die in ihre Schablonen von der „sozialen Gerechtigkeit“ nicht passen?

Deutschland ist keine Nation der Unternehmer mehr, sondern eine der an-gestellten Bedenkenträger, Verhinderer und Unterlasser. Aber niemand kommt auf die Welt, um An-Gestellter zu werden, und es darf als bewiesen gelten, dass die Lehre vom Sozialismus nur den Würdenträgern sozialistischer Parteien das Paradies auf Erden verschafft. In der DDR gab es davon reichlich. Sie bewirkten in ihrem Sicherstellungswahn die vollkommene Stagnation; das Land brach zusammen. Der Westen erfand die Legende von den armen, aber mutigen revolutionären Ostdeutschen, die den bösen Kommunismus besiegten und beglückte sie alle – auch die SED- Bonzen – mit mehr sozialer Fürsorge als die DDR je hatte. Der Westen hat den Untergang des Sozialismus noch vor sich.

Samstag, 10. Dezember 2016

Kapitel 5 (7)

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Schlaraffenland
Schlaraffenland: Traum und Alptraum
Der Einsatz von Unternehmern oder Freiberuflern ist nicht durch Tarifregeln begrenzt. Sie haben nicht mal einen garantierten Anspruch auf Urlaub oder auch nur „Freizeit“. Über ihre Risiken entscheiden sie selbst. Das kann mörderisch sein – auch für andere. Die im und vom Gestell Lebenden suchen dagegen persönliche Risiken zu minimieren, womöglich vollkommen zu vermeiden. Ihre Verantwortung haben sie durch Delegieren eingeschränkt, das treibt mindestens ebenso wie die Warenwirtschaft – wie das Geld – jenen Prozess, der unter dem Begriff „Entfremdung“ bekannt wurde. Seltsamerweise ist er aus der Aufmerksamkeit weithin verschwunden.
Wer innerhalb eines Gestells den Unterschied zwischen „Arbeit“ und „Freizeit“ nicht akzeptiert, sein Leben als „Arbeit an und für sich sieht“, wer Freiräume und persönliche Verantwortung gegen das Streben der Gestelle nach innerer Stabilität und umfassender Kontrolle von Informationen verteidigt, wer nötigenfalls Regeln missachtet oder umgeht, wird Regulierern und Kontrolleuren automatisch verdächtig. Andererseits sichert ein solcher Gegenspieler ihre Existenzberechtigung. So folgerichtig wie der „Ketzer“ dem Gottesstaat erwächst, erwachsen den Gestellen ihre „Whistleblower“. Sie werden mit dem nämlichen Furor verfolgt. Die jeweilige Gegenseite wird sie zu Helden küren, falls sie damit öffentliche Aufmerksamkeit und neue Anhänger gewinnen kann. Falls nicht, muss sich der Betreffende in der Rolle des Außenseiters zwischen allen Stühlen zurechtfinden – und damit hat er womöglich noch Glück.
Medien leben davon, andere bei solchen Spielen vorzuführen, die eigenen inneren Konflikte sehen sie ungern beleuchtet.
Allmählich macht sich erfreulicherweise die Einsicht breit, dass diese Rollenspiele und Strategien in den Bankrott führen – nicht nur in den fiskalischen eines unvorstellbar überschuldeten Staates samt seinen Sozial- und Kontrollsystemen, sondern in den wirtschaftlichen und moralischen einer Gesellschaft, in der möglichst viele mit der Ein-Stellung leben „ICH ALLES SOFORT GRATIS!“.
Ob die von Marx, Lenin und ihren Adepten gesetzte Dichotomien zwischen „Arbeit“ und „Kapital“, links und rechts, sozialem Fortschritt und Reaktion die Wahrnehmung dominieren werden bis zum Kollaps, obwohl Manager von Großunternehmen, Staat und (NG-)Organisationen aller Art samt den ihnen hörigen Medienmachern längst nach denselben Regeln spielen – denen des Gestells, wo ausschließlich Gestell- und Privatinteressen abgeglichen werden und politisches von wirtschaftlichem Kalkül längst nicht mehr zu trennen ist? Werden weiterhin Korporationen mit Gestellcharakter unwidersprochen versuchen, das Gemeinwesen zu usurpieren, nicht mehr und nicht weniger als Clans von Dorftyrannen? Werden sie weiterhin unterm Applaus ihrer „Anspruchsberechtigten“ am Gemeinwohl schmarotzen können?
Wir erleben die Krise dieses Systems und seines „Sozialstaates“, denn die Strategie der „Zukunftssicherheit“ aller als Gestell organisierten Korporationen hat Erwartungen angehäuft, die das Gemeinwesen einfach nicht mehr erfüllen kann. Seine Zukunft ist verstopft von diesen Erwartungen: von den Gewinnerwartungen der Konzerne, dem Kündigungsschutz der Heere von Beamten und „Verwaltern“, den Erwartungen der Beitragszahler an die Versicherungssysteme, den Fürsorgewünschen der Beihilfe-Empfänger. Wir erleben, dass sie alle sich derzeit als unfähig erweisen, von diesen Erwartungen von ihrer „Anspruchsberechtigung“ zu lassen und ihre Strategie zu ändern. Stattdessen heißt es „mehr Desselben“ – auf allen Seiten. Und alle bejammern die folgerichtige Blockade.
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Samstag, 5. November 2016

Kapitel 5 (6)

Wenn Marx, Engels und Lenin etwas geschafft haben, außer Ideen zu geben an die „Arbeiterbewegung“ – in Wahrheit eine Bewegung abhängig Beschäftigter, heute im Wesentlichen eine Interessenvertretung der An-Gestellten –, dann ist es dies: Sie haben die Deutungshoheit über den Begriff des „Sozialen“ mit bestimmten Parteien verknüpft, die ein Zufall der Geschichte auf der linken Seite des Parlaments zu sitzen kommen ließ. „Links“ erscheinen seither die Vorreiter und Hüter des „Sozialstaates“; er korrigiert die „natur-wüchsigen“ Ungerechtigkeiten. Aber der fürsorgliche Staat ist nicht zuletzt eine Erfindung Bismarcks. Er ist zutiefst konservativ und patriarchalisch und verharrt in den alten Schemata von Obrigkeit und Untertanen mit begrenzter Mündigkeit; er belohnt die Systemkonformität, er belohnt das Mittelmaß. In den Köpfen aber hat sich die Dichotomie zwischen „Links“ und „Rechts“ festgesetzt. Über einen Wandel der Bedeutungen von „sozial“, „fortschrittlich“ oder „konservativ“ wird nicht nachgedacht. Mit Klischees lebt es sich nun einmal leichter.

Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass der „Klassenkampf“ zwischen „Sozialismus“ und „Kapitalismus“, der im Kalten Krieg seinen Gipfel zu erreichen schien, eine Fiktion ist, denn beide Seiten sind innerhalb des Gestells untrennbar aneinander gebunden, sie haben sich in ihm entwickelt, sie erhalten es – jeweils dem eigenen Überleben zuliebe – aufrecht und können ohne einander nicht leben. Der letzte Beweis ist das vollkommene Scheitern des „sozialistischen Weltsystems“, wo der Versuch, das freie Unternehmertum auszurotten und die Wirtschaft ausschließlich von den An-Gestellten aus Staat und Partei führen zu lassen, als Katastrophe endete. Nun holen Russen und Chinesen „ihren“ Kapitalismus zurück – die Ausbeutungsexzesse des 19. Jahrhunderts eingeschlossen – mit dem gleichen Personal, das vorher als Staats- und Parteibürokratie die Länder ruinierte. Aber immer noch spukt die Idee, dass wer für An-Gestellte eintritt, auf Seiten der sozialen Gerechtigkeit kämpft, in den Köpfen. In dieser Falle sitzen längst auch die Vertreter der „christlich-sozialen“ Richtungen: Sie folgen der Deutungshoheit der An-Gestellten-Parteien meist schon deshalb, weil sie selbst An-Gestellte sind. Die Mitleids- und Fürsorgerituale halten ihnen das schlechte Gewissen vom Leib. Sie lassen sich dafür gut bezahlen, und die hermetischen Sicherungssysteme für ihre Versorgung nehmen ihnen die Angst, selbst ins Unglück zu geraten. Ängstlich sind sie dabei andauernd: für irgendetwas in die Verantwortung genommen zu werden. Sie übersehen in all ihrer ängstlichen Fürsorglichkeit nur einen systematischen Fehler ihrer Strategie: Fürsorge schafft Bedürftigkeit und umgekehrt. Es ist das Wesen dieser wie jeder Interaktion. Gegen den Mindeststandard „freistehendes Einfamilienhaus und Wunschauto für alle“ gäbe es nichts einzuwenden, außer einem: Er wäre sozial ungerecht.

Es gibt Menschen, die hören sofort auf, irgendeine Art sozialer Verantwortung wahrzunehmen, wenn nur für Essen, Trinken ein Dach überm Kopf und ein bisschen Spaß gesorgt ist. Sie nehmen gern, was ihnen für den Lebensunterhalt zugeteilt wird – einschließlich kompletter medizinischer Versorgung – und schlafen sehr gut, wenn sie nicht versteuern müssen, was sie zusätzlich verdienen. Sie hören es gern, wenn ihnen Politiker und Journalisten versichern, dass die Rolle des Schmarotzers schon an einen anderen Sündenbock vergeben ist: den bösen Kapitalisten. Die An-Gestellten-Parteien können die Rolle logischerweise nur an diejenigen vergeben, bei denen die Mittel für die sozialistischen Versorgungssysteme zu holen sind: Unternehmer, Freiberufler, kurz: diejenigen, die gar nicht oder nicht allein von eben jenen Versorgungssystemen abhängig sein wollen. Natürlich braucht man Unternehmer, um Arbeitsplätze zu schaffen. Deshalb werden junge Menschen gelobt, die das Risiko einer Gründung eingehen. Ihr Unternehmen hat kaum Laufen gelernt und erste Gewinne gemacht, da wird es schon in bürokratische Regelsysteme gezwängt und für Steuern und Sozialabgaben angezapft.

Nein, ich tappe nicht in die Dichotomie-Falle, die hier lauert: An-Gestellte oder abhängig Beschäftigte versus Selbständige, Arbeitgeber gegen Arbeitnehmer und deren Interessenvertreter, letztlich in das Lemma „Die Geschichte ist eine Geschichte der Klassenkämpfe“. Sozialschmarotzer, gar Soziopathen finden sich unter Selbständigen ebenso wie in allen Schichten, Berufen, unabhängig von Hautfarbe, Sprache, Herkunft Religion oder Geschlecht, sie finden auch immer Formen sich zu verbünden, wenn sie ihr Interesse durchsetzen wollen, das da heißt: „Enteignet die anderen“. Mir geht es nur darum, wie verantwortungsloses Verhalten systemisch begünstigt wird. Marx hatte dafür eine bis heute gern zitierte Beschreibung:

Das Kapital hat ein Grauen vor Abwesenheit von Profit, wie die Natur vor der Leere. Zehn Prozent und man kann sie haben. Zwanzig Prozent und sie werden lebhaft. 50 Prozent positiv waghalsig. Für 100 Prozent stampft man alle menschlichen Gesetze unter den Fuß. 300 Prozent und es gibt kein Verbrechen, das man nicht wagt, selbst auf die Gefahr des Galgens.“

Was Marx hier „dem Kapital“ als Subjekt zuschreibt, Angst und Gier bis zum beispiellosen Risiko, trieb tatsächlich immer das Handeln menschlicher Subjekte – als Einzelne oder im Kollektiv.

Nach 200 Jahren schauen wir auf eine beispiellose Erfolgsgeschichte der Gier. In den Händen neuer Geldeliten ist mehr Besitz und Macht akkumuliert als in denen sämtlicher Herrscherdynastien des Milleniums – infolge des massenhaften Strebens nach dem Erwerb von Geld und Waren. Nachdem in dieser Welt – das hatte der junge Marx vorausgeahnt – fast alles und jeder zur Ware, also käuflich geworden ist, darf das Geld und seine quantifizierende, alles gleich machende Wirkung als beinahe jedem Einzelnen eingewachsenes Strukturmuster gesehen werden. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wir landen bei der Wechselwirkung individueller Verhaltensmuster mit sozialen Randbedingungen: im Aufgabenfeld der Politik. Es ist DAS Konfliktfeld. Die Aussicht, dass Politik und Staat sich einmal erübrigen könnten, war nie zuvor utopischer. Wundert sich irgendwer, dass die Verteidiger der „reinen“ Marktwirtschaft“ ebenso katastrophale Schäden anrichten wie die der „reinen Staatswirtschaft“ marxistisch-leninistisch-maoistischer Provenienz? Wenn man will, erkennt man hier, wie sich in gesellschaftlichen Verhaltensmustern – im Sinne fraktaler Selbstähnlichkeiten – individuelle ausprägen. Gegensätze sind im Leben freilich nie so „rein“ wie es „reine“ Verhaltensschemata geben kann, aber erkennbar sind immerhin gegensätzliche Strategien: die des Erlangens unter Inkaufnahme größter Risiken und die des Vermeidens unter Inkaufnahme der Bewegungslosigkeit.

Freitag, 6. Dezember 2013

Kapitel 5 (2)

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Foto: Ludwig Feuerbach, Philosoph und Anthropologe, mit dessen Texten sich der junge Marx besonders intensiv auseinandersetzte.
Ludwig Feuerbach„Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme - ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens -  das von der Praxis isoliert ist - ist eine rein scholastische Frage.“ und „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern!“ – das sind zwei der berühmten Marxschen „Feuerbach-Thesen1. Mit ihnen wollte Marx die Ansichten „vom Kopf auf die Füße stellen“. Schon in jungen Jahren gelang ihm mit seiner Analyse wirtschaftlicher Strukturen und menschlicher Abhängigkeiten in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ ein großer Wurf. Tatsächlich nutzte er das wissenschaftliche Denken seiner Zeit soweit es ihm möglich war, und das heißt, dass er nicht über die Modelle der klassischen Mechanik hinauskam und weder von Quantenphysik noch Relativitätstheorie etwas ahnen konnte – ebenso wenig von Genetik oder Psychoanalyse.
Entscheidend für den Umgang mit den Theorien von Marx, Engels und Lenin war und ist, dass sie den Anspruch der „Objektivität“ erhoben, einer von der subjektiven Wahrnehmung unabhängigen Gültigkeit; dass sie die Ökonomie, die gesellschaftlichen Bewegungen und letztlich die Zukunft der Menschheit planbar und vorhersehbar machen wollten wie die Keplerschen Gesetze die Planetenbewegung. Und das Ziel war von schöner Klarheit: die Gesellschaft als „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist.“2.
Der Weg dorthin sollte über die „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ führen, der einzelne sollte nur besitzen, wessen er fürs Leben bedurfte, keineswegs aber Fabriken, Grund und Boden, Kapital etc., und vorangehen sollte auf diesem Weg die Arbeiterklasse, die „nichts zu verlieren hatte als ihre Ketten“. An deren Spitze wiederum sollte die Kommunistische Partei stehen, im Alleinbesitz der „wissenschaftlichen Weltanschauung“ und also unfehl- und unbesiegbar.
Die Theorie und die ihr folgenden politischen Richtungen gerieten alsbald ins Dilemma aller Pat(end)lösungen: sie mussten die Menschen mit Gewalt glücklich machen. Wer „Produktionsmittel“ besaß, sah die „wissenschaftliche Begründung“ seiner Enteignung nicht ein und trennte sich ungern freiwillig vom Besitz; diese programmatische Auseinandersetzung mit dem „Klassenfeind“ konnten die Kommunisten nie gänzlich für sich entscheiden. Wo sie es schafften, endeten sie im Desaster: ökonomisch, ökologisch vor allem aber moralisch. Die vorhergegangene Geschichte der Menschheit kennt keine Niedertracht und keine Grausamkeit, keine Folter und keinen Massenmord, den nicht sozialistisch-kommunistische Machthaber wie Lenin, Stalin, Mao und ihre Gefolgsleute, Epigonen und Adepten im Namen der „lichten Zukunft der Menschheit“ und des „sozialistischen Humanismus“ übertroffen hätten. Nur wer sich von romantischen Verklärungen des Sozialismus nicht trennen mag, wird die Verwandtschaften nach Anspruch, Klientel und Methoden übersehen, die selbst den Nationalsozialismus mit seinen Namensvettern verbinden. Aber es gehört immer noch Mut dazu, solchen Verklärungen zu widersprechen. Götz Aly hat das mit seinem beeindruckend recherchierten Werk “Hitlers Volksstaat”3 getan.
Weiter zu Abschnitt 3


1 Der Name bezieht sich auf Marx' Kritik an Texten von Ludwig Feuerbach 2 Marx/Engels „Kommunistisches Manifest
3 Götz Aly „Hitlers Volksstaat“, Frankfurt am Main, S. Fischer 2005








Dienstag, 3. Dezember 2013

Kapitel 5 (1)

Sozialstaat und Gestell - ein Exkurs über systematische Fehler
Die Fiktion der „sozialen Gerechtigkeit“ und die latente Gewalt institutionalisierter Heilsversprechen
Engels_1856„Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ abzuschaffen: das ist ein Ziel, dem kaum einer sich verweigern würde. Wer wollte Ausbeutung dulden oder gar befürworten? Nur Zyniker oder Despoten sind so unverfroren.
Als , Bürgersohn und Unternehmer aus Wuppertal, sich der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ annahm, beschrieb er elende Zustände, die uns heute in Europa kaum mehr vorstellbar erscheinen. Das menschliche Desaster der Proletarier war erschütternd wie heute das in chinesischen, philippinischen, indischen oder pakistanischen „Sweat Shops“. Während damals wie heute große Teile der Bevölkerung in Armut schuften und vegetieren, kommen die Aufsteiger des Industriezeitalters zu unmäßigem Reichtum. Der Kapitalismus nahm zu Marxengels Zeiten Fahrt auf, er hat sein Tempo bis heute fast ununterbrochen gesteigert. Aus Kriegen und Naturkatastrophen schöpfte er Gewinne, er machte aus der Welt einen einzigen großen Markt.
Kapital_titel_bd1Karl Marx hat diese Umwälzung vorhergesehen: er prophezeite Technisierung, Industrialisierung, globale Märkte und Unternehmen; die Dynamik des kapitalistischen Systems der Wertschöpfung erkannte er als gewaltig. Interessanterweise wollte er diese Dynamik auch keineswegs stoppen und er hätte sicherlich für den Bau von Atomkraftwerken und Weltraumstationen gestimmt. Marx war nur die „Naturwüchsigkeit“, das wilde und ungehemmte Wachstum unheimlich. Und den jungen Mann erzürnten die Rohheit und Verantwortungslosigkeit, mit der Unternehmer und Spekulanten Gewinne auf den Knochen der Arbeiter machten. Weil er den Heilsversprechen der Religionen aus gutem Grund misstraute, sah er in einer Zeit, als die Wissenschaften die Technik, die Wirtschaft und das gesamte Denken umkrempelten, nur in der konsequent atheistischen, wissenschaftlichen Behandlung sozialer Fragen eine Chance. Er wollte die Rechtfertigungen des Unrechts zerschmettern, indem er die Verhältnisse „objektiv“ auf dem Seziertisch der kritischen Vernunft betrachtete. Er wollte sie von ideologischen Verkleidungen befreien, die Elend und Ausbeutung unabänderlich erscheinen ließen. Seine Schriften begründeten und beförderten Bewegungen, die als „sozialistische“ und „kommunistische“ hinfort Ökonomie und Politik mitbestimmten.
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Samstag, 23. Februar 2013

Kapitel 3 (6)

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Egal ob wir die innere Matrix „Selbst“ nennen (was sie an die Theorien vom Leben als „autopoietisches“ – selbstorganisiertes -, offenes dynamisches System heranführt)1 oder „Seele“ – dreierlei erscheint zumindest plausibel:
  • Wir können etwas über ihr Wirken sagen, denn unser Leben erfolgt nicht ungeordnet.
  • Der Körper ist die Daseinsform der Seele, eine andere ist uns zumindest nicht bekannt.
  • Das Bewusstsein erfasst nur einen (sehr kleinen) Teilbereich der unablässig ablaufenden Interaktionen im Körper und zwischen Körper und Umgebung.
Unseren Körper können wir mit allerlei Werkzeugen „erweitern“; dann erweitert sich auch das Steuerungsfeld der Matrix.
Interaktion fürs Gleichgewicht
 Colla Vella de Valls - 2007 vor dem
Messeturm in Frankfurt (Wikipedia)
Vor einiger Zeit trat in einer Fernsehshow ein Hopfenbauer aus Bayern auf und zeigte ein Kunststück, für das er landauf, landab bewundert wurde. Einem professionellen Artisten wäre es womöglich als zu simpel erschienen, um es vorzuführen: Es ging darum, eine frei im Raum stehende fünf Meter lange Leiter empor zu klettern und einen Apfel zu pflücken. Spektakulär war die Aktion, weil über ihr Gelingen Wetten zwischen Prominenten abgeschlossen wurden und die Aufmerksamkeit von Millionen Zuschauern darauf fixiert war. Vor dem Bildschirm erlebten sie mit, wie der Mann seinen Fuß auf die unterste Sprosse setzte, den zweiten Fuß nachzog und begann, einen seltsamen Tanz mit dem sperrigen Gerät aufzuführen.
Gerade weil dieser Balanceakt so puristisch, ohne das Brimborium des professionellen Varietés aufgeführt wurde und weil es nur um die Frage ging: „hält er sich auf der Leiter oder stürzt er?“, ließ sich hier das Wesen eines dynamischen Gleichgewichts besonders gut erkennen. Der Hopfenbauer wäre mit seiner Leiter sofort hart aufgeschlagen, wenn er nicht ihre Füße ständig hin- und herbewegt und die Schwankungen um den gemeinsamen Schwerpunkt von Bauer und Leiter mit seinem jeweils freien Bein ausgeglichen hätte. Aus dem Bauern und der Leiter wurde der Leiterbauer, der mit der Schwerkraft wechselwirkte. Der Bauer hatte dieses System in vielen Trainingsstunden konfiguriert und „verinnerlicht“, so dass die Leiter fast wie ein zusätzlicher Körperteil – wenn auch ein mangelhafter und schwerfälliger – zum Ergreifen des in fünf Metern Höhe aufgehängten Apfels einzusetzen war.
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1 Tor NørretrandersSpüre die Welt“, Reinbek, Rowohlt 1997


Montag, 29. Oktober 2012

Kapitel 2 (3)

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Am Ende bleibt eigentlich nur eine - neue - Angst: aus dem Gestell herauszufallen.
Auf diese Angst - wie auf die meisten Bedürfnisse und Konflikte - reagieren Menschen nicht mit Verhaltensweisen, die sich von denen ihrer Urahnen grundsätzlich unterscheiden. Unsere emotionale Grundausstattung hat sich in Jahrhunderttausenden der Interaktion mit anderen Menschen und natürlicher Umwelt als erfolgreich erwiesen und – nach allem was wir darüber sagen können - weitgehend erhalten. Wie wir Gefühle sprachlich und in Umgangsformen äußern, ist zwar sozial und kulturell modifiziert, die wesentlichen Ausdruckssignale aber, unsere Mienen, Gesten, Laute sind viel älter und in der Wechselwirkung von Hirn, Nerven und Körper viel tiefer eingewurzelt als die stark kulturabhängige Sprache – auch das zeigen neueste Untersuchungen von Hirnforschern.
Nun mobilisieren Konflikte in der modernen Arbeitswelt nicht nur die rationale, sprachliche Reflexion sondern die gesamte psychische Ausstattung - und gehen mit den gleichen Ängsten und ihnen folgenden Strategien des Erlangens und Vermeidens einher, wie Konflikte in einer Sippe der Steinzeit. Mitten in all unseren Errungenschaften der Informationstechnologie laufen dieselben heftigen Gemütsbewegungen ab, wie bei Sophokles oder Shakespeare. Nur die äußeren Bedingungen haben sich geändert: das Gestell schränkt zeitweise Formen der Interaktion ein, es erlegt den Angestellten Zwänge in ihrem Ausdrucksverhalten auf.
Lesen Sie weiter in Abschnitt (4) über “Lachen an der falschen Stelle”





Sonntag, 28. Oktober 2012

Kapitel 2 (2)

“Die Erschaffung des An-Gestell-ten” ist dieses Kapitel überschrieben; hier geht’s zum Abschnitt (1)

Im Geld verschwindet aber zugleich jede Eigenartes quantifiziert alles. Selbst Beziehungen zwischen Menschen kann es die Eigenart austreiben: es bleiben käufliche Dienste übrig, bei denen egal ist, wer sie nutzt oder erbringt. Anderseits kann der Einzelnen seine Existenz nicht auf Qualitäten aufbauen, die am Markt nicht gefragt sind. .
Wir landen bei dem bekannten Paradox, dass eine allein erziehende Mutter, mit Hingabe, Kreativität und Sachverstand im Haushalt tätig, liebevoll um das Heranwachsen ihrer Kinder bemüht, auf staatliche Fürsorge angewiesen ist und keinen Rentenanspruch erwirbt, dass ein leidenschaftsloser Pauker dagegen um Einkommen und Altersversorgung nicht bangen muss, ebenso wenig wie die für Schule und Sozialhilfe zuständigen Angestellten. Ihnen muss das Schicksal von Kindern allenfalls dann nicht mehr Wurst sein, wenn überforderte Mütter ihren Nachwuchs krankenhausreif geprügelt haben oder dessen Heimeinweisung wegen unaufhaltsamer Neigung zur Kriminalität ansteht. Die Verantwortung hatte die Mutter; bezahlt wurden andere.
Angestellt zu sein ist in den entwickelten Industrieländern fast zur einzig möglichen Lebensform geworden. Es gilt als Katastrophe, seine Anstellung zu verlieren und „arbeitslos“ zu werden. Das ist eine verräterische Ausdrucksweise, die „Arbeit“ mit „Anstellung“ gleichsetzt und das Leben außerhalb der Anstellung abwertet − als ob man nicht auch als Selbständiger oder einfach als Hausfrau und Mutter vollwertig arbeiten könnte.
Das System, Einkommen als Angestellter zu erwerben - nennen wir es mit Martin Heidegger einfach „das Gestell“ - sichert großen Massen von Menschen die Existenz, es strukturiert fast allgegenwärtig die Arbeitswelt und fast jede Arbeitsorganisation setzt auf dem Gestell auf. Wer an-Gestell-t ist, muss Unwetter und Missernten kaum noch fürchten, auch nicht, dass er als selbständiger Handwerker mit seiner Werkstatt wegen neuer Produktionsverfahren Pleite geht. Er verfügt über relativ sicheres Einkommen, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung (die eigentlich eine Versicherung gegen das Nicht-angestellt-Sein ist), kurz: er hat mehr gegen all die vielen Existenzängste und für die Sicherheit getan als irgendeiner der in Jahrtausenden verblichenen Vorfahren.
Am Ende bleibt eigentlich nur eine - neue - Angst: aus dem Gestell herauszufallen.
Weiter zum Abschnitt (3)




Samstag, 27. Oktober 2012

Kapitel 2 (1)

kosmos_200
Dieses Buch muss fortwährend überarbeitet werden – mit diesem Vorsatz wurde es geschrieben, daran ist nicht zu zweifeln, ebensowenig an seiner fortwirkenden Brisanz im Ganzen. Bücher wie “Affenmärchen – Arbeit frei von Lack und Leder” lassen das ebenso deutlich werden wie die Stellungnahmen von Andreas Zeuch, Niels Pfläging,  und vielen anderen zu dringend notwendigen Veränderungen der gesamten Arbeitsorganisation.
Da der “Kosmos” in einigen grundlegenden Fragen dem Verständnis brennender Konflikte in unserer immer kleiner werdenden Welt dient, da im Zusammenhang mit den Wahlen in den USA, politischen Verwerfungen innerhalb der KPCh, unbeherrschbarer Dynamik der Finanzmärkte in deutschen Medien wenig mehr zu hören ist als das Geräusch der Gebetsmühlen, stelle ich einige Textegratis zur Diskussion. Das Vorwort ist bereits online.


Kapitel 2


Die Erschaffung des An-Gestell-ten
Die „Verwertung“ der Persönlichkeit. Alte und neue Existenzängste. Wie Menschen zu Kugelschreibern werden.
 
Der einzelne Mensch ist ein Nichts. Sieben Milliarden Menschen leben inzwischen auf der Erde. Bilder wie das eines Sandkorns in der Wüste oder eines Tropfens im Ozean sind schnell gezeichnet. Die Erfahrung von Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit des Einzelnen ist in unserem Jahrhundert allgegenwärtig, nicht nur in den Massenheeren und -morden, auch in der Arbeitswelt und der bürokratischen Verwaltungsmaschinerie. Der Einzelne erscheint aus der Zeitperspektive ebenso mikrobenhaft: seine Lebensspanne ist winzig - gemessen an der Geschichte des Kosmos, ja selbst der Gattung.
Das Leben hat ein Mittel gegen die zahlenmäßige, „quantitative“ Bedeutungslosigkeit, gegen damit verbundene Ängste, gegen das Gefühl der Ohnmacht: das Individuum kann in einem Metasystem, einem Sozialgebilde aufgehoben sein – z.B. in einer Herde oder in einem Bienenstaat. Die Zugehörigkeit zu einem Metasystem hilft dem Einzelnen, zu erlangen, wessen er bedarf und schützt ihn vor Verlusten. In sozialen Verbänden werden die Möglichkeiten der Individuen nicht einfach addiert, sondern innerhalb eines neuen Organismus vernetzt. Strategien entstehen, die über die individuellen weit hinaus reichen. Sie folgen dennoch nicht beliebigen Mustern, sondern den charakteristischen, genetisch angelegten, die nach innen und außen interagieren. Die Zugehörigkeit zum Sozialgebilde hat ihren Preis: der Einzelne muss mit den Bewegungsmustern des Metasystems zurechtkommen und Rollenzuweisungen hinnehmen - z.B. die eines Angestellten.
Der einzelne Mensch ist alles. Jede Geburt verändert die Welt. Sie ist unentbehrlicher Teil jenes Prozesses, der aus Möglichem Wirkliches werden lässt, und seit die Betrachtung komplexer dynamischer Systeme uns belehrt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in der sibirischen Taiga über Beginn und Verlauf eines Hurrikans in Mittelamerika entscheidet, müssen wir die Bewegungen eines Individuums mit anderen Augen sehen. In seiner einzigartigen Erbinformation erscheint zugleich die gesamte Entwicklungsgeschichte eingefaltet und bisweilen gewinnt das Handeln eines einzelnen Menschen überragende Dimension, wenn er in die Rolle z.B. eines Diktators oder Attentäters hineinwächst – oder auch in die eines Künstlers.
Handelnd und sich verändernd gestaltet der Einzelne sich selbst und seine Umgebung. Aus dem „Genotyp“ wächst der „Phänotyp“, dessen eigentümliches Sein das Sein der Welt notwendig mit definiert. Für den Einzelnen spricht nicht die Quantität, sondern die Qualität.
Der Markt vermittelt. Denn der Einzelne muss sich ernähren, wohnen, gesund erhalten. Der Markt bietet ihm, was er nicht selbst schaffen kann und verlangt etwas dafür: Geld, den großen Gleichmacher, das universelle Maß für jeden Gegenstand von der Kartoffel bis zum Kernkraftwerk und jede Leistung vom Schuhe putzen bis zur Herzoperation.

Im Geld verschwindet aber zugleich jede Eigenartes quantifiziert alles. Selbst Beziehungen zwischen Menschen kann es die Eigenart austreiben: es bleiben käufliche Dienste übrig, bei denen egal ist, wer sie nutzt oder erbringt. Anderseits kann der Einzelnen seine Existenz nicht auf Qualitäten aufbauen, die am Markt nicht gefragt sind.
Fortsetzung: Kapitel 2 (2)






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