Samstag, 24. November 2012

Kapitel 2 (9)

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Es gehört wenig Phantasie dazu, sich Schadenfreude und Rachegelüste der neuen alten Untergebenen auszumalen. Viel interessanter ist, dass die redaktionelle Arbeit von diesen Vorgängen natürlich nicht profitierte und dass in der Folge unser Mann in eine andere Rolle geriet: zwischen die Mühlsteine. Der Direktion gegenüber musste er loyal sein, er durfte sich nicht noch einmal als Fehlbesetzung erweisen, denn das Scheitern in der neuen Position hatte sein Image grundsätzlich beschädigt. Die Mitarbeiter, die er mit seinem Plädoyer für einen externen Nachfolger vor den Kopf gestoßenen hatte, musste er auf Abstand halten und feindliche - also praktisch alle - Allianzen verhindern. Damit war eine gedeihliche Zusammenarbeit nicht mehr möglich; seine neue Rolle war, die Politik der Geschäftsführung nach untendurchzustellen“. Aus dem Abteilungsleiter wurde ein mutloser Nebendarsteller, der dafür bemitleidet werden wollte, dass er auch noch die dümmsten Anweisungen ohne Rücksicht auf die Qualität der Sendungen und die Interessen seiner Kollegen erfüllte.
Die Mitarbeiter praktizierten passende destruktive Gegenrollen. Die mit eigenem Gestaltungswillen verließen die Redaktion oder richteten sich in Nischen ein. Das Ende der Geschichte war, dass die Sendungen sich auf konfuse und gesichtslose Art dem anpassten, was überall gesendet wird und womit sich die Geschäftsleitung konfliktfrei arrangieren konnte. Niemandem würde es auffallen, wenn das Kulturmagazin dieses Senders durch irgend ein anderes Kulturmagazin ersetzt würde: Der Kampf um die Positionen im Gestell war wichtiger als der um das unverwechselbare Gesicht der Sendung.
Das ist das Dilemma: Je höher ein Angestellter in den Verantwortungsebenen aufsteigt, je mehr er für die Arbeitsorganisation und damit die Arbeit anderer verantwortlich ist, umso weniger genügt die rein fachliche Qualifikation, umso mehr kommen Führungsqualitäten ins Spiel. Wie aber sollen sie wachsen, wenn die egalisierende, quantitativ fixierte Angestellten-Kultur allgegenwärtig ist - von der Schule über die Berufsausbildung und die Universitäten bis in die Medien hinein?
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