Montag, 3. Dezember 2012

Kapitel 2 (13)

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Heute wachsen einerseits die wissenschaftlichen Disziplinen zusammen, Natur- und Geisteswissenschaften müssen sich mehr als je aufeinander beziehen – andererseits werden Methoden und Arbeitsfelder kritisch überprüft und erweitert. Es ist höchste Zeit, sich auch mit dem Fühlen und Handeln des einzelnen Menschen, mit seiner Bindung an soziale Gruppen und Metasysteme methodisch neu auseinander zu setzen. Denn ebenso wenig wie die Newtonsche Mechanik uns das Wechselwirken von Elementarteilchen und Licht bei einem Laser verstehen hilft, taugt der vorgeblich unbeteiligte Blick der herkömmlichen Wissenschaft, der Standpunkt des „objektivierenden Subjektivismus“[1] dazu, menschliches Fühlen und Handeln einzuschätzen.
Werfen wir einen Blick auf die Methoden der Wissenschaft. Besonders in den naturwissenschaftlichen Richtungen wird ein mechanischer Grundzug deutlich: Sie operieren mit „Feststellungen“. Dabei geben sie Beobachtungen in der Natur, im Labor oder auch Annahmen und Behauptungen eine ganz bestimmte verbale oder in Formeln gekleidete Gestalt, etwa der Art „Geschwindigkeit errechnet sich aus der in einer bestimmten Zeit zurückgelegten Wegstrecke“: v=s/t. Solche „Feststellungen“ werden kommuniziert. Wenn über die verwendeten Begriffe – zum Beispiel „Geschwindigkeit“ - Einigung erzielt wurde, können alle mit der in der Feststellung enthaltenen Information nutzbringend umgehen. Feststellungen sind für sich genommen bedeutungslos, sie erhalten ihren Sinn und können nur dadurch wirken, dass sie in den Strom der unablässig ablaufenden Gedanken eingebracht werden: durch die Interaktion zwischen Menschen oder die Selbstinteraktion im Gehirn des einzelnen Individuums. Damit kommen wir zu einem wichtigen Paradox: wir beschreiben eine Welt, in der es nichts wirklich Festes gibt, mit etwas, das völlig unveränderlich bleiben soll – einem Buchstaben oder einem Begriff.
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[1] Hans- Peter Padrutt „Der epochale Winter“, Zürich, Diogenes 1986


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