Sonntag, 16. Dezember 2012

Kapitel 2 (17)

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Die Hirnforschung hat erst im vergangenen Jahrzehnt erkannt, wie enorm abhängig Gefühle und Reaktionen der Menschen von der unbewussten wechselseitigen Wahrnehmung sind, was Mienen, Gesten und Laute bewirken. Das Theater spielt seit Jahrtausenden damit. Jeder von uns erwartet auch – unbewusst –, dass sein Gegenüber lächelt oder die Stirn runzelt. Wenn der Arzt ein „Pokerface“ zeigt – also nonverbale Signale verweigert – kann das bei seinem Patienten zu heftigen Ängsten führen („Warum macht er ein so undurchdringliches Gesicht? Das bedeutet nichts Gutes“).
Dem guten Arzt kann seine Erfahrung und Menschenkenntnis weiterhelfen; er weiß um seine Wirkung auf Menschen, ohne dass er sie im Einzelnen beschreiben könnte und sich ihrer bis in jede Regung bewusst wäre. Er hört nicht nur zu, er erkundet die emotionalen Schwankungen und Befindlichkeiten, indem er seinem Gespür folgt – insofern nähert er sich der Kunst des Schauspielers. Aber für diese „alten“ Strategien ist in unserem auf Kontroll- und Abrechnungsmechanismen ausgerichteten Gesundheitswesen kein Platz mehr. Und einen „Kunstfehler“ kann sich kein Arzt leisten. Auch er steht unter dem Druck des Gestells, er muss „feststellen“, und er muss „sicherstellen“, dass ihm kein Fehler nachzuweisen ist. Zu dem ohnehin maßlosen apparativen Aufwand in den Kliniken kommt der Aufwand für Überwachungssysteme, mit denen Schadensersatzforderungen unzufriedener Patienten vorgebeugt werden soll. Die Erwartung an eine fehlerfreie und garantiert wirksame Therapie, die eine vollständige Heilung herbeiführt, gebiert monströse Kosten.
Dieser Wahnsinn des Gestells folgt einer natürlichen Logik: wer sich in die Obhut eines Gestells begibt, nutzt die Macht der Korporation nicht nur für seinen Lebensunterhalt, sondern auch, um individuelle Risiken zu minimieren.
So verstärkt der einzelne seine elementaren Strebungen ERLANGEN und VERMEIDEN indem er die Macht eines Metasystems in Anspruch nimmt.
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