Sonntag, 15. März 2015

Das Glück des Sisyphos

Sisyphus_by_von_StuckAlbert Camus hat dazu aufgefordert, sich den Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen. Diese Denkfigur haben viele Philosophen und andere Nachdenkliche aufgegriffen. Vermutlich ist alles darüber gesagt, ganz sicher nicht von allen. Mich interessiert die Geschichte weniger der Interpretation wegen, sondern wegen ihrer unstreitigen Modernität. Die Nachricht vom gewaltigen Volumen der Bundesagentur für Arbeit regte wieder einmal die Frage an, ob unsere Gesellschaft wirklich zum Ziel gesetzt hat, möglichst alle – ob sie wollen oder nicht – zumindest materiell sicherzustellen. Am besten als AnGestellte. Diese Existenzform kommt dem Bild des Sisyphos nahe: Es gibt eine Arbeit, die ihrem Wesen nach fremdbestimmt ist, d.h. sie schließt genau denjenigen davon aus, über ihr Ziel – ob Produkt oder Dienstleistung - zu entscheiden, der sie tut. Ob Mann oder Frau: Nicht die Strafe der Götter zwingt sie, sondern ein Vertrag, mit dem sie sich an Ziele binden, über die das Gestell entscheidet. Das können Unternehmen sein oder Behörden, Parteien oder NGO. Egal wo: Die Arbeit muss getan werden.

Glück speist sich dabei aus zwei Quellen:

  • Der Moment, in dem der Stein hinabrollt, Sisyphos mit sich allein ist. “Freizeit” nennt das der von Staat und Gesellschaft zugleich befürsorgte und ausgebeutete Angestellte. Heutzutage ist er darin nicht mit Stein und Berg allein, er kann sich dank der Medien vergewissern, wie schlimm die Welt jenseits seines Hügels und Steins ist, sich von anderen Steinerollern begeistern lassen, deren Gesichter ihn aus Werbeclips oder Siegerehrungen aller möglichen Wettbewerbe anstrahlen. Sollte er lieber nur in die Landschaft um den Berg schauen, könnte das heikel sein. 
  • Die Arbeit des Hinaufrollens selbst. Sie mag eintönig erscheinen, aber Sisyphos macht Erfahrungen: mit dem Stein, mit dem Berg, mit sich. Er lernt die Details kennen, findet optimale Wege, wird immer stärker und geschickter – lassen wir das Altern mal außen vor. Möglicherweise fühlt er sich den Siegern der Medienwelt ebenbürtig.

Verlassen wir hier das Bild vom einsamen Mann Sisyphos (oder seiner Schwester – nennen wir sie Sisyphina). Beide schieben Tag für Tag ihren Stein. Die moderne Arbeitswelt gesellt ihnen ein Team zu. Im Sozialismus hieß das Kollektiv. Automatisch geht das Steineschieben mit sozialen Interaktionen einher: Konkurrenzen um den besten Platz am Stein, den günstigsten Weg, seine Füße zu setzen, die beste Aussicht vom Berg. Sisyphina könnte sich verlieben, allerdings nicht unbeobachtet. Sogar echte Zusammenarbeit wäre vorstellbar. Die Leute müssen sich allerdings irgendwann darüber verständigen, was am Ende des Tages wichtig ist: Der Vergleich mit anderen Steinerollern oder der gemeinsame Blick vom Berg, der Fragen aufwerfen könnte, auf die es keine Antwort gibt. An genau diesem Punkt scheiden sich Kollektive – oder Teams – von Freundschaften, Liebe und Vertrauen vom “Geschäft des Lebens”.

Auch deshalb ist der Mythos unsterblich.

Dienstag, 10. März 2015

Johannes Sachslehner: Wien anno 1683

“Ein europäisches Schicksalsjahr” untertitelt der Autor sein Sachslehner1683Geschichts- und Geschichtenbuch – und im Panorama des Geschehens, das er auf knapp 400 Seiten chronologisch entwirft, erscheinen die historischen Bedingungen, die handelnden Personen und ihre Motive sehr einprägsam. Sachslehner legt der zeitlichen Ordnung des Buches einen historischen Kalender zu Grunde: Sambach von Lindelbachs “Kleiner Haus=Gesundheit=Feld= und Kirchen=Calender” gibt einen Begleitton zu den Berichten von Zeitzeugen, Originaldokumenten, Erzählungen, regt die Vorstellungskraft des Lesers an. Er erfährt vom Leben der Bauern im Rhythmus des Kirchenjahres und von den Lostagen, die über das Wettergeschehen und die wirtschaftlichen Aussichten folgender Wochen oder Monate entschieden; er kann ermessen, auf welch schmalem Grat diese Existenzen balancierten und welche Leiden es bedeutete, wenn Tatarenhorden, Türkische und Kaiserliche Heere Felder und Wiesen verwüsteten, Vorräte plünderten, das Vieh wegtrieben. Ist es schon schlimm genug, sich Ohnmacht und Wehrlosigkeit gegenüber Marodeuren vorzustellen, so verstummt einer vor den Gräueln, die Frauen und Kindern widerfuhren.

Sachslehner erzählt die Schicksale einzelner Menschen, die Übermenschliches erdulden mussten. Soldaten, Offiziere, Generäle im Kugelhagel, beim Schanzenbau und beim Sturm auf Schanzen, er schildert trostlose, oft vergebliche Fluchten der Bevölkerung, Seuchen, Hunger, Massaker. Da wird ein Offizier monatelang mit schwersten Verletzungen in Ketten über Land getrieben oder gekarrt, immer wieder misshandelt, doch am Leben gehalten, weil sich die Entführer Lösegelder versprachen. Frauen und Kinder werden gefangen, aufs Blut misshandelt, in die Sklaverei geführt. Wer mit angesehen hatte, wie seine Liebsten gefoltert, vergewaltigt, geschlachtet wurden, selbst aber überlebte: Woraus mag er Mut und Vertrauen fürs Überleben gezogen haben?

Was den meisten von uns nicht mehr vertraut ist, dass sich nämlich fast alles soziale Handeln auf religiöse Bindungen gründet, lässt Sachslehners Text erahnen. Bei Schlächtern und Opfern heutiger Kriege findet sich dieses Verhältnis wieder: Religion liefert den Stoff, der Feindbilder schärft, der Rachsucht, Habgier, Mordlust, Sadismus freisetzt. Aber Religion stärkt auch die Gequälten und Unterworfenen, die Hilfsbereiten, die selbstlosen Retter.

Der Autor zeichnet solche Widersprüche ohne Anspielungen auf Aktualität , erhöht damit den Reiz zeitgenössischer Faksimiles und Bilder, die den Text ergänzen. Er richtet den Blick auf die Verantwortung der Herrschenden – und osmanische wie kaiserliche erscheinen dank vieler biographischer Details näher, greifbar, auch und gerade dann, wenn sie versagen. Das ist eine Qualität dieser Darstellung gegenüber anderen Geschichtsbildern. Spontan kam mir in den Sinn, Johannes Sachslehner habe so etwas wie ein Weblog im Jahre 1683 verfasst, eine sehr farbige und authentische Form, sich dem historischen Geschehen zu nähern. Ich habe das mit Vergnügen und großem Interesse gelesen und die Einladung zum Nachdenken über den Krieg als “Vater aller Dinge” (Heraklit) oder als “Fortsetzung der Politik mit anderen  Mitteln” (Carl von Clausewitz) gern angenommen. Wer gibt heute noch – wie seinerzeit die Osmanen oder Habsburger – offen zu, den Krieg im Namen des Islam oder der katholischen Kirche zu wollen? Aber damals wie heute treibt die Dynamik gegenseitiger Schuldzuweisung, treiben die religiösen, ethnischen, politischen Feindbilder die Wellen von Gewalt Macht Lust empor. Bücher wie dieses helfen zur Einsicht, dass es mehr braucht als Appelle, Gebete und Demonstrationen, wenn künftig verhindert werden soll, dass Anführer von Religionen, Ethnien, Nationen oder anderen Kollektiven den Mob versammeln. Er will jedenfalls und jederzeit vom Terror profitieren.

Das Buch von 408 Seiten ist im Januar 2015 als broschierte Neuauflage im Pichler Verlag erschienen und kostet 18 Euro

Samstag, 11. Oktober 2014

Enteignung

Herrenstraße26Die Ängste sind wieder da. Was einem zugeeignet wurde von Vater und Mutter, von Generationen fleißiger, irrender, in Krisen und Konflikte verstrickter Vorfahren, soll weg. Die Bindung an ein Dach überm Kopf soll gelöst, eine Immobilie vermarktet werden. Die festen Mauern sollen sich zu Geld verflüssigen. Ein vertrauter, nur dem Bewohner vertrauter Wert – der des Gebrauchs, des Wohlfühlens und der Geborgenheit – soll verwertbar im Sinne des gleichgültigen Marktes sein, der einer der größten Erfolge der Gattung ist - und ein Schlachtfeld der Begehrlichkeiten von Individuen, Gruppen, Korporationen, denen Heimat nichts bedeutet. Sie rechnen. Sie dominieren. Sie haben elaborierte Rechtfertigungen dafür, Leben seiner Lebensräume zu enteignen – egal ob es Häuser, Dörfer, Städte, Landschaften oder ganze Kontinente sind.

Es sind fast 50 Jahre, dass der DäDäÄrr-Staat meine Mutter und Großmutter vor die Entscheidung stellte, ihr Haus, das Haus meiner Kindheit, samt dem zugehörigen Grund mitten in der Stadt, entweder für einen Pappenstiel zu verkaufen oder enteignet zu werden. Die beiden machtlosen Frauen konnten nicht ahnen, dass die Enteignung die komfortable Lösung war. 20 Jahre später hätte ihnen das eine “Restitution” beschert – und ein Millionenvermögen. Sie hätten kaum Zeit gehabt, in den verbleibenden Lebensjahren diese Millionen auszugeben. Als meine Großmutter 1993 starb, spielte Geld keine Rolle – wie in den Jahrzehnten zuvor. Wir nahmen voneinander Abschied in Liebe.

Meine Mutter lebte ab 1996 – betreut von meiner Schwester – fern jenem Ort, wo die als Verkauf getarnte Enteignung stattgefunden hatte, zur Miete. Die Eigentümerin des Hauses gehört zu den wenigen Menschen mit einer ganz persönlichen Haltung zum Grundgesetz: Eigentum verpflichtet! Sie wurde zur Freundin der Familie – und das Haus war gesegnet. Die alte Dame malte die schönsten Bilder, deren sie fähig war, sie hängen immer noch erheiternd und farbenfroh in Gängen und Treppenhaus. Die Eigentümerin wusch den Zigarettengestank aus den Gardinen ihrer “Mietpartei”, obwohl sie selbst das Rauchen verabscheut.

Ich muss in diesen Tagen meinen Anteil am Haus meines Vaters verkaufen; sein Erhalt übersteigt die finanziellen Möglichkeiten der Geschwister, denen es gehört. Keiner von uns hat die Chance eines “Erwirb es, um es zu besitzen”. Vielleicht war unser Vater zu ehrgeizig, als er baute. Unsere Vorfahren – ihre Geschichte habe ich im “Blick vom Turm” aufgeschrieben – wussten wenig über die Nöte und Bedürfnisse nachfolgender Generationen. Wir müssen ihren Erwartungen nicht gerecht werden. Aber es hinterlässt mir ein tiefes Gefühl von Unbehagen und Trauer, welche Defizite ich den Nachkommen hinterlasse, wenn ich jetzt das Haus meines Vaters verschleudere, “weil der Markt mich dazu zwingt”.

Sonntag, 4. Mai 2014

Reißende Keilriemen und anderes Missgeschick

Bei Tempo 180 auf der Autobahn reißt der Keilriemen. Nicht schön, weil's kalt ist und der vorbeirasende Autostrom ungemütlich. Keilriemen-V-BeltVielen passieren solche und ähnliche Pannen – manch einer reagiert überraschend heftig. Es mag weitaus schlimmeres  Unglück geben, aber gerade die kleinen Teufeleien des Alltags treiben zur Weißglut. Die Psychologie hat das Phänomen vermutlich erschöpfend untersucht, gleichwohl verdirbt es einem immer wieder mit überraschender Heftigkeit die Laune: Als “Tücke des Objekts” wurde es zum geflügelten Wort. Erstmals benannt hat sie der Philosoph Friedrich Theodor Vischer in seinem 1879 erschienenen, seinerzeit sehr erfolgreichen Roman “Auch Einer – eine Reisebekanntschaft”.
Abergläubische sehen Teufel, Hexen, Dämonen am Werk, wenn sie trotz aller Vorsicht doch das Kabel des Rasenmähers überfahren und kappen, der Computer einfach nicht tut, was er soll, überhaupt technisches Gerät ohne Ursache und Anlass streikt. Aufgeklärtere vermuten böse Mächte des Kapitalismus dahinter – Stichwort geplante Obsoleszenz – oder sonst eine Verschwörung. Erstaunlich wenige nur nehmen die kleinen Boshaftigkeiten gelassen, gar mit Humor und als Ergebnis eigenen unzulänglichen Handelns. Immer wieder habe ich nicht nur aus eigenem Erleben konstatiert, dass große Katastrophen weniger emotional aufrühren als diese kleinen, teuflischen Störungen “im Detail”. Beethovens Biograph scheint davon zur Namensgebung für ein berühmtes Rondo - “Wut über den verlorenen Groschen” - inspiriert worden zu sein, auch bei E.T.A. Hoffmann gespenstern an sich harmlose Sachen plötzlich koboldhaft, und nicht selten mündet der Zorn über versagende, widerspenstige Dinge in Attacken, gar Zerstörung. Der folgende Schaden ist viel schlimmer als der Anlass des Ärgers, jede besonnene Reaktion wäre sinnvoller, doch kann Rache auch am tückischen Objekt durchaus süß sein – jedenfalls bis zum Blick auf die Kosten.
Kern dieser Rachegefühle? Mit einem Schlag erlebt einer, dass nicht er Dinge beherrscht, sondern Dinge ihn, und diese Ohnmachtserfahrung ist besonders drastisch, wenn das gewohnheitsmäßig leicht zu Beherrschende sie ihm antut. Die stoische Reaktion auf Brände, Erdbeben, Übergriffe Mächtiger scheint uns Menschen ebenso eigen, wie berserkerhafte auf manch kleines Missgeschick. Und da wir einerseits alles daransetzen, uns mit technischen Mitteln gegen die großen Schläge zu feien, wird offenbar die Wut auf nicht funktionierende Dinge, Dienstleistungen, Planungen – also versagende Sicherheiten - überdimensional. Finden sie das übertrieben? Dann warten sie einfach die nächste Überraschung durch ihren Staubsauger oder ihr Smartphone ab.

Donnerstag, 6. März 2014

Aufs Siegen fixiert: Massenwahn und Kriegsgefahr

Reichstag_Giebel2„Du musst steigen oder sinken,
Du musst herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,
Amboss oder Hammer sein.”
 


So Goethe in einem seiner “Geselligen Lieder”. Der folgende Text ist aus dem 6. Kapitel von “Der menschliche Kosmos”. Darin geht es um Dominanz – und die zugehörigen Rituale und Rollenspiele. Die Medien konditionieren gerade wieder die Massen  darauf, wie gebannt auf die Spielchen der Mächtigen zu starren – ohnmächtig.


Es ist die klassische Entscheidung. Immer wieder einmal verkürzt sie sich auf die platte, mechanische Frage nach der Macht, die Frage „Wer – wen“. Damit wird der systematische Fehler unserer Wahrnehmung, die Reduktion komplexer Prozesse auf simple Kausalitäten, total und brutal zum politischen Prinzip erhoben. Leider haben die katastrophalen Folgen solcher Machtpolitik wenig Einsicht bewirkt. Dem systematischen Fehler folgt der Auswertungsfehler. Aber es ist mit dem engen Blick auf ewige Abfolgen von Ursache und Wirkung, Täter oder Opfer sein, Gewinner oder Verlierer, eben noch viel schwieriger als mit dem Sonnenauf- und untergang, der die Kopernikanische Wende um Jahrhunderte überdauert hat: Wir sehen die Erddrehung so wenig wie die Wechselwirkungen von Umgebung, Auge und Gehirn , wir sehen, was uns unser Gehirn sehen lässt. Und an unserem Verhalten erscheint uns nichts so selbstverständlich wie Dominanz. Vor jedem Handeln liegt eine Entscheidung. In den allermeisten Fällen sind wir uns dieser Entscheidungen nicht bewusst. Wenn wir zurückschauen, ergibt sich fast ausnahmslos, dass einer der Handelnden die Tendenz hatte zu dominieren. Es gab immer einen Sieger, einen „Hammer“ und einen „Amboss“. Unsere Geschichtsschreibung und insbesondere die Massenkultur suggerieren, dass ein Sieg, dass das Beherrschen des Gegners wünschenswert ist: „The Winner Takes it All“. Egal was die Siege kosten – sie sind zunächst und vor allem Siege. Das macht Despoten so gefährlich, denn ihre Legitimität bedarf heute mehr denn je rechtfertigender Feindbilder und bejubelter Siege. Gefolgschaft lässt sich nur mit beidem rekrutieren, mit dem zwei-Komponenten-Kleber des “Wir sind mehr” und “Die anderen sind minder”.
In den Kommentarsträngen des social web tobt sich das mit Bezug zu jeglichem politischen Konflikt unvermeidlich aus. Bliebe es nur dabei, sollte’s mir recht sein. Die Vorstellung, dass sich ideologisch gebenedeite Masse, dass ihr Anführer sich von der Woge massenhafter Zustimmung emportragen lässt, der Welt den Sieger zu zeigen, diese Vorstellung ist mir zu gut vertraut, als dass ich gelassen dem anschwellenden Geschrei lauschen könnte. Noch’n bisschen Goethe gefällig?

"Diesem Amboss vergleich' ich das Land, den Hammer dem Herrscher
Und dem Volke das Blech, das in der Mitte sich krümmt."


Eigensinn verpflichtet! » Leben Lesen