Samstag, 3. März 2012

Vom Haar in der Suppe

Auster

“Manche Leut’”, sagt der Schwabe, “schütteln über die Suppe so lange den Kopf, bis sie ein Haar drin finden.”  Mit diesem Buch erging es mir seltsam: Ich hätte daran wahrlich nichts auszusetzen, denn die Autorin ist eine lebenskluge und überaus belesene Frau, die als Theologin und Germanistin sowohl mit kultureller Überlieferung wie mit Sprache umgehen kann, sie äußert sich so engagiert wie verständig zu ihrem Thema Leidenschaft, erzählt eigene Geschichten einschließlich der Irrtümer und Niederlagen unverschnörkelt, flicht Gespräche über gelingende Partnerschaften anderer als Belege dafür ein, dass Erotik, Spontaneität, Intuition, Phantasie, Risikobereitschaft zum Zusammenleben geradeso beitragen wie gegenseitiger Respekt, Solidarität, Verlässlichkeit.

Ihre Literaturliste ist umfänglich; ich hatte viel Freude, Hausgeistern wie Edward Albee, Boccaccio, Brecht, Anais Nin, Philip Roth, dem Marquis des Sade, Artur Schnitzler, Mario Vargas Llosa zu begegnen; zwischen den Zeilen blinzelten die Herren Shakespeare, Tschechow, Kleist mich an, als Zeugen waren renommierte Wissenschaftler aufgeführt. Mit gefiel vor allem, dass Frau Vieregge die wunderbaren Stimulanzien der Rollenspiele gebührend preist, überzeugend die Stickluft bigotter Rituale, das Elend geschäftsmäßiger Partnerwahl, des Totquatschens und Totregulierens in den Geschlechterbeziehungen perhorresziert (schönes Wort, gell, ich hab’s von E.T.A. Hoffmann, dessen Leidenschaft Peter Härtling wunderbar verewigt hat – nächstens mehr!) – ich kam aus dem zustimmenden Nicken gar nicht mehr heraus.

Je länger ich las, desto klarer wurde mir, dass meine eigenen Bibliotheken mir all die klugen Einsichten dieses Buches längst vermittelt hatten, was seinen Wert nicht schmälert. Guten Gewissens kann ich es allen empfehlen, die sich um eine erfüllte, dauerhafte Partnerschaft bemühen. Dass die “Liebe auf den ersten Blick” oder eine ähnlich tief gehende erotische Bindung dafür den Grund legt, klingt nach Binse, ist es aber nicht, wenn man um die Komplexität des Entstehens und Vergehens tiefer erotischer Bindungen weiß. Davon handelt Weltliteratur. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich genau deshalb die Lektüre beinahe aller von Frau Vieregge angeführten Autoren – ausgenommen Sachbuchautoren und angesagte Medienphilosophen - mehr empfehle als die dieses Kompendiums.

Damit bin ich wieder bei der Suppe: nicht dass sie mir wegen der beim zustimmenden Nicken ausgefallenen Haare nicht geschmeckt hätte. Auch nicht, weil sie – um im Bild zu bleiben – so etwas wie Eintopf ist. Eintöpfe können brillant sein. Das hängt nicht ausschließlich davon ab, welche Zutaten der Koch verwendet, nicht von seiner Technik, nicht von Gewürzen. Es ist letztlich ein Geheimnis, dessen Lösung im Munde des Essers liegt. Ich fand diese Speise allzu sättigend. Ich mag aber Sachen, die Appetit auf mehr machen.

 

C. Juliane Vieregge “Die Perle in der Auster”, Pabst Science Publishers, Lengerich, Bremen, Miami, Riga, Viernheim, Wien, Zagreb, 272 Seiten, 25 €

Donnerstag, 2. Februar 2012

Das Theater und das Lächeln der Mona Lisa

Im Prado ist gerade eine Kopie der berühmten “Gioconda” von Leonardo da Vinci aufgetaucht. Gemalt hat sie wahrscheinlich einer seiner Schüler. Das Lächeln indessen – millionenfach in der Welt – kann niemals eine Kopie sein. Hierzu eine Textprobe aus dem “Raketenschirm”

Gustav blinzelte von seinem zerwühlten Nachtlager aus, zwischen Wedeln der aus einem Dattelkern selbst gezogenen Palme hindurch, zu den Ahnenporträts an der Wand. Sie waren über Jahrzehnte in einer Kiste auf dem Dachboden der Herrengasse 10 in Lauterberg verstaut gewesen, in den schwarzen Rahmen waren Holzwürmer unterwegs. Diese Bilder waren das einzige, was er aus seiner Kindheit in sein Berliner Domizil hinübergerettet hatte.

Sonnenkalb Porträtiert waren die Urgroßeltern seiner Ururgroßmutter, sie hatten ziemlich genau 200 Jahre zuvor in Naumburg an der Saale gelebt, blickten ihn fast in jedem Winkel des Zimmers an: der Herr Apotheker Sonnenkalb mit Perücke, Kragenbinde in rotem Rock auf düsterem Grund und seine Frau, so undurchsichtig lächelnd wie die Gioconda. Sollte der unbekannte Naumburger Porträtmaler an das berühmte Vorbild gedacht haben, so ließen Nase und Kinn seines Modells, die allzu große Stirn, die wasserblauen Augen es zur Persiflage werden.

Dennoch nahm die recht eigentlich herbe Frau Gustav durch ihren undurchschaubaren Gesichtsausdruck für sich ein. Das Lächeln milderte ihre Strenge, gab aber nichts, nicht einmal mütterliche Züge preis.

Für einen Moment ahnte der verkaterte Regiestudent wieder etwas vom Geheimnis des Schauspiels: Man musste möglichst genau den Strömen seiner inneren Erzählung folgen, dabei hellwach in die Umgebung hineinspüren, auf sie spontan, intuitiv, mit einer gewissen Unschärfe reagieren, die aktuelle Wirklichkeit der Bühne in unvorhersehbare Möglichkeiten eines ungeschehenen Lebens verwandeln, wiederholbar und unwiederholbar zugleich. Er erinnerte sich an Tines Geschichte vom verlorenen Ball: vom Fluss davongetragen, hatte er in ihrer Kinderzeit einen Wirbel aus Trennungsschmerz hinterlassen. Sie konnte diesen Wirbel ansteuern, der Schwarm der Mitspieler auf der Bühne und im Zuschauerraum folgte ihr. Was den Schwarm an Tines Führung band: er wurde in eine Richtung mitgenommen, die ihm vertraut erschien. Emotionen wurden eingestimmt auf etwas, das folgen musste – etwas Komisches, etwas Tragisches. Die Erwartungen ließen sich erfüllen oder durch eine Überraschung brechen – soweit wurde das Handwerk des Theaters von vielen Schauspielern beherrscht, sogar von manchen Regisseuren. Tines Spiel aber eröffnete unvorhersehbare Blicke, gab Rätsel auf, ließ Geheimnisse ahnen, Unvorstellbares vorstellbar werden gegen die Erwartungen, es verstörte Gewohnheiten. Sie gehörte keinem Schwarm an, jeder aber würde ihr folgen.

Das „Theater des wissenschaftlichen Zeitalters“, wie es der Institutsdirektor gern propagierte, mit einem klaren, rational fassbaren Auftrag, erschien Gustav Horbel dagegen wie ein Aquarium ohne Wasser. Freilich: die Fische darin waren immer noch Fische – rein wissenschaftlich betrachtet. Aber er begann zu verstehen, dass sich Wissenschaft nur dann der Kunst verbinden konnte, wenn sie sich mit der verzweifelten Kraft, mit der unbezwingbaren Sensibilität der Kreatur wappnete, die Hand vom Geländer frei bekam, sich von der Wand im Rücken abstieß, ins furchterregende Elixier des Lebens stürzte, eintauchte ins Reich der Angst, des Todes und der Liebe. Es war das Wagnis, alles zu verlieren, um sich in der Welt zu finden.

 

Freitag, 30. Dezember 2011

Ein Christbaum–Leben

Tatsächlich musste eine Chinesin kommen, eine Frau also, die zum Christentum im Allgemeinen und Weihnachten im Besonderen überhaupt kein Verhältnis hat, um dieses Fest, seine religiösen Wurzeln, seine Rituale völlig neu zu erleben.

PaarWeihnacht2011

Weihnacht 2011

Es mag auch mit dem Altern zusammenhängen, mit intensiverem Erinnern an kindliche Weihnachten, dass einer wieder echte Kerzen im Grün und Gold brennen sehen will – in all meinen Jahren als Single hatte es mir wenig bedeutet. Nun, im Zusammenleben mit Qin aus Nanking, gab es immer einiges zu erklären und zu erzählen, wenn wir Kirchen und Klöster besuchten, wenn der Dezember kam mit Adventlichtern, mit einem Stall samt Pony, Ziegen, Kuh und Krippe auf dem Christkindlesmarkt, einer Plastikversion desselben vor der brutalst kitschigen Touristenschänke in der Fußgängerzone, wenn der alte “Da Bi Zi”* bereit war, in Kirchenlieder einzustimmen, obwohl er der Institution Kirche schon vor Jahrzehnten Adieu gesagt hat.

Bei diesen kultur- und religionshistorischen Erzählungen kam ich zwangsläufig auf die Botschaft vom Kind, das der Menschheit Frieden, Erlösung von Schuld und Sünden verspricht, dem Tod seinen Schrecken nimmt. Die Geburt Christi geht in der Bibel mit Lichterscheinungen einher, sie geschieht mitten in der Nacht, Hirten und Weise aus dem Morgenland werden erleuchtet, kurz: das Wichtigste an diesem Geschehen ist eigentlich, dass etwas Erhellendes, Beglückendes nicht menschlicher Vernunft entspringt, sondern als Geschenk Gottes unter wahrlich himmelschreienden biologischen und physikalischen Ungereimtheiten in die Welt kommt.

Im Kern der Botschaft gibt es indessen einen Zusammenhang zwischen Licht, Leben und Liebe – es gibt Ähnliches in fernöstlichem Glauben.

Nachdem ich in diesem Jahr wieder für Qin einen Kinderzeit-Weihnachtsbaum mit Kerzen statt elektrischer Beleuchtung geschmückt habe, nachdem wir den Zauber der lebendigen Flammen, des Dufts, des Abbrennens und Verlöschens gemeinsam bestaunt haben, hätten wir dem etwas altbacken wirkenden Lied vom Tannenbaum noch ein paar Strophen hinzuzufügen: Darin wäre vom Geschenk zu reden, auf brennende Kerzen achten zu dürfen. So ein Christbaum alter Fassung ist ein Sicherheitsrisiko, er verlangt uns – von der richtigen Platzierung der Glaskugeln, Glöckchen, Ketten zwischen den Zweigen, auf dass sie nicht den Flammen zu nahe kommen, über die Pflicht, alles beim Abbrennen immer im Auge zu behalten, bis zum Reinigen, Pflegen, neu Bestücken der Kerzenhalter – ein Mehr an Mühe und Aufmerksamkeit ab. Dafür werden wir belohnt: Der Baum und sein Fest leuchten nicht nur nebenbei. Wir nehmen uns Zeit für ihn und gewinnen Zeit für uns, unersetzliche, liebevolle Zeit – die sich der Erinnerung an die Christbäume der Kindheit verbindet.

Es sind Bäume fürs Leben.

Weihnacht 1953

Weihnacht 1953

*)chinesisch: “Großnase”

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Führung: Wechselspiel statt Weisung

 

„Gedankenfreiheit“ – ist das ein dem Menschen zu gestattendes oder zu verweigerndes Rechtsgut, wie Schiller den Marquis Posa fordern lässt?

Ist es eine individuelle, durch Bildung zu befördernde Fähigkeit, wie sie der große „Lexikon-Meyer“ erstrebte?

Geht es nur um die Möglichkeit, seine Gedanken frei äußern zu dürfen?

Womöglich geht es um etwas ganz anderes: darum, das Irren, den Fehler aus der Versagens- und Schamecke zu holen, eigen- und querständiges Denken ohne Rücksicht auf vermeintlich noch so gesicherte Wahrheit schon in der Schule zur Kulturtechnik zu entwickeln.

Womöglich könnte es sich als äußerst fruchtbar erweisen, Konkurrenz und Kooperation nicht als Gegensatz zu sehen, sondern als Erfolgsrezept innerhalb eines Zusammenspiels. In jedem Mannschaftssport kann man erleben, dass der Einzelne durchaus in Konkurrenz zu anderen sein Bestes gibt, dass er aber zugleich auch die Fähigkeit entwickeln muss, die Schwächen anderer zu kompensieren, er muss für die anderen da sein, ihnen zuarbeiten: das trainiert ganz besondere Qualitäten des Einzelnen.

Er muss andererseits allein entscheiden und frei heraus sagen können, wenn er unzufrieden ist – nicht nur zum “passenden Zeitpunkt”: das trainiert ganz besondere Qualitäten der Mannschaft.

Wir leben in einer Zeit, wo die Qualität solcher Organisations- und Kommunikationsprozesse über unsere Zukunft entscheidet. Unter vielen Publikationen zum Thema empfehle ich “Feel it! – So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen” von Andreas Zeuch und “Affenmärchen” von Gebhard Borck.

Die Krisen der Finanz-, Wirtschafts- und Bildungseinrichtungen, die Handlungsunfähigkeit der Politik verlangen nach neuem Denken, nach Transparenz, nach verantwortungsbewusstem Handeln des Einzelnen anstelle weisungsgebundener Verantwortungslosigkeit in undurchsichtigen Apparaten.  Die Konflikte unserer Welt sind nicht lösbar, so lange nur die Geldmaschinen am Laufen gehalten werden. Und die Lösungen liegen nicht auf der Straße.

Sonntag, 16. Oktober 2011

Elias Canetti und die Magie der 99%

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Warum sollte ausgerechnet DAS nicht fortwirken: Menschen fühlen sich durch anhaltendes Fähnchenschwenken und das Tragen von Parteiabzeichen überlegen, stark, anderen gegenüber im Recht, nachgerade ermächtigt, Forderungen zu erheben und sie – nötigenfalls mit Gewalt – durchzusetzen?

Es wirken ja alle anderen Formen menschlichen Verhaltens auch fort: die Neigung zu patriarchalischer Vorherrschaft, die Polygamie, feudaler Pomp, alle irgend denk- und vorstellbaren Formen der Grausamkeit, Aberglaube, Balzrituale, religiöse Verfolgungen … Gott sei Dank auch Hilfsbereitschaft, Fairness, Kooperation.

Ein wunderbar erhellendes, vollkommen subjektives, dennoch mit wissenschaftlicher Akribie verfasstes Buch über solche Fragen hat Elias Canetti geschrieben: “Masse und Macht”, es erschien 1960.

Der Einzelne sehnt sich danach, in der Masse (der Herde, der Horde, der Meute, dem Mob …) geborgen zu sein, die eigene Schwäche durch vermittelte, gebündelte Schubkräfte der Gemeinsamkeit zu überwinden. Diese Sehnsucht hat eine lange evolutionsgeschichtliche Berechtigung. Allerdings konkurriert sie mit einem mir (noch stehe ich damit nicht gänzlich allein) persönlich sehr wichtigen Impuls: Dem individueller Freiheit und Verantwortlichkeit fürs eigene Handeln. Die Konkurrenz der Impulse löste lebenslanges Nachdenken und fortwährende Prüfungen meines Sozialverhaltens aus; ich darf sagen, dass sie nicht ganz unfruchtbar waren.

“Canetti, der Ideologien verabscheut, teilt seine Weltanschauung nicht offen mit. Erkenntnis muss der mündige Leser selbst gewinnen” vermerkt der Artikel in der Wikipedia, und diese Haltung gefällt mir. Wir brauchen mündige Leser und am subjektiven Erleben geschulte Welteinfühlung statt ideologisch ausgerichteter Weltanschauung. Wir brauchen selbstbestimmtes Handeln in Konflikten ohne den Schutz von Fahnen und Parteiabzeichen. “Mehr Demokratie wagen” müsste jeder genau da, wo er verantwortlich ist für sein Leben und das seiner Nachbarn, seiner Familie, seiner Kollegen. Leute, die für Menschenrechte in fernen Weltgegenden hierzulande gefahrlos Plakate hochhalten, im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz aber den Mitmenschen als Störfaktor oder Stimmvieh behandeln, sind einfach unglaubwürdig. Wer als “Linker”, “Liberaler”, “Christdemokrat” oder neuerdings “Pirat” die Medien beflaggt, die Menschheit nach Flagge in passende Schubladen sortiert, auf handliche Feindbilder zurechtstutzt, zum Abschuss freigibt, meint alles mögliche, wenn er von Demokratie redet, aber bestimmt nicht die Freiheit und Pluralität von Meinungen.

Demokratie verlangt dem Einzelnen sehr viel ab – womöglich sogar den Verzicht aufs wohlige Gefühl, in der Masse geborgen zu sein. Wenn die Fähnchen und Abzeichen Konjunktur haben, schrillen bei mir jedenfalls die Alarmglocken.

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