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Dienstag, 20. März 2018

Ungemein eigensinnig–und inspirierend

GRIMM_NEU_U1_NEUKaum dass ich lesen konnte, geriet ich vor über sechs Jahrzehnten an ein dickes Buch in grauem Leineneinband, das mich weit übers Schulische hinaus immer wieder fesselte: “Knaurs Lexikon” war in fetten Blockbuchstaben eingeprägt. Vom A beginnend grub ich mich hindurch – und reiste aus der engen Thüringischen Kleinstadt hinaus in alle Welt. Wie viel Futter für die Phantasie hinter diesen Buchstaben, Worten und Artikeln steckte! Damals gab es nur wenige Bilder, Landkarten erschlossen sich dank der Erzählungen meiner Großmutter von den Seereisen des Großvaters nach Afrika, China, Indien, bis in die Kriegsgefangenschaft nach Australien. Dann kam ich an den Buchstaben N, dort fehlten viele Seiten, fast alle mit Wörtern, die mit “Nat” begannen. Die Oma erklärte alsbald, weshalb sie fehlten, das Knäblein stürzte sich mit umso heftigerer Neugier auf ein unversehrtes Exemplar des “Knaur”, das sich im Bücherschrank des Onkels fand. Der Nationalsozialismus erschien ihm dort groß, voller lockender Ziele, Orden, Auszeichnungen, Uniformen – und flößte zugleich Furcht ein.
Diese Geschichte erzähle ich, weil mein Leben voller kostbarer Bücher war, weil dieses von Peter Graf herausgegebene eine wahre Schatztruhe der deutschen Sprache und ein unerschöpflicher Quell der Neugier und Phantasie ist, und weil es – wie alle Enzyklopädien, Lexika, Wörterbücher – zum Verständnis von Geschichte und Literatur viel Wundersames und etliche tiefere Einsichten bereithält als einschlägige Fernsehserien, Radiodokus, Zeitschriften, Vorträge.
Freilich bekommt der Leser hier keine fixfertigen und wohlverdaulichen “Narrative” verabreicht, nur zahllose Anregungen. Er darf selbst der Vielfalt, den Wandlungen, dem Gebrauch – insbesondere dem literarischen – von Wörtern nachspüren. Deshalb erwarten Sie bitte von mir auch keine “Buchkritik”. Mein Artikel hinkt sowieso vielfachem Lob hinterher; der “VERLAG DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS” ist in kurzer Zeit durch sein ambitioniertes Programm und die originelle Buchgestaltung zu einem Liebling der Fachleute geworden, und Grafs Arbeit insbesondere verdient die mediale Aufmerksamkeit. Schon wegen der Leistung, aus fast 35 Tausend Seiten des "Deutschen Wörterbuchs" mit seiner langen Entstehungsgeschichte 352 auszuwählen. Im Vorwort erzählt er, wie er "nach Lust und Laune" zu seiner Blütenlese kam, und was wir dem riesenhaften Unterfangen der Brüder Grimm verdanken.
Nach derlei wurde er in Interviews gefragt, nach "Lieblingswörtern", auch nach Beiträgen im DWB aus der neueren Zeit, denn zu einem vorläufigen Ende kamen die Nachfolger der Brüder Grimm erst 1961. Peter Graf schlug vor, während des Nationalsozialismus Hinzugefügtes nicht zu tilgen, obwohl es ihm verständlicherweise missfiel, sondern es zu kommentieren. Und damit schließt sich der Kreis: Durch Weglassen oder "Ausmerzen" kann niemand etwas lernen. Um so mehr ist zu bedauern, dass eine Neubearbeitung, in den 1950er Jahren begonnen, seit 2016 nicht mehr weiterverfolgt wird. Gar zu gern hätte ich eine Wortschöpfung von Bertolt Brecht dort wiedergefunden: Das "Kaderwelsch". Sie steht in den Buckower Elegien [11]. Kaderwelsch nennt Brecht "Die neue Mundart" der Politbürokraten:
...Dem, der Kaderwelsch hört
Vergeht das Essen.
Dem, der es spricht
Vergeht das Hören.
Und wer sich davon erholen will, erlabe sich an den Wortschönheiten in der "ungemein eigensinnigen Auswahl" aus dem DWB - oder hebe daselbst weitere Schätze.

Peter Graf "Eine Ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmischen Wörterbuch", Verlag Das Kulturelle Gedächtnis 2017, 352 Seiten, 25 €

Sonntag, 13. März 2016

Die Literatur und die Weisheit der Huren

MännermanierenDiese Autorin tritt selbstbewusst auf, daran lässt sie weder mit ihrem Foto auf dem Schutzumschlag noch mit den ersten Sätzen ihres schmalen Büchleins zweifeln. Sie darf das, denn schon das Thema sichert ihr gehörige Aufmerksamkeit; so gut wie alle Medien berichten obendrein gerade darüber, wie der Gesetzgeber neue Leitplanken im bezahlten Geschlechtsverkehr installieren will. Erzwungene Prostitution und Menschenhandel will er damit einschränken – eine ziemlich liberale, auf besseren juristischen und sozialen Schutz für die Frauen zielende Regelung aus dem Jahr 2003 hat darin anscheinend nicht nur versagt, sondern kriminelle Dunkelfelder noch erweitert.

Karolina Leppert übt ihren Beruf als Sexarbeiterin mit Lust und Überzeugung aus. Ich nehme ihr das umso leichter ab, als sie nicht nur sehr offen redet, sondern auch unverschnörkelt, gescheit und vor allem mit Witz: Ich habe mich bei einer Lektüre lange nicht mehr so gut amüsiert. Dabei geht es drastisch zu; die „Standpauke“ kommt von Herzen und es ist Lebensklugheit, Gefühl und Empathie darinnen, wenn auch die „Manieren“ einen wünschen lassen, zugehörige Männer dorthin zu treten, wo schon der Klappentext einen tragikomischen Treffer landet.

Die Domina Karolina Leppert kommt rasch zur Hauptsache, und sie handelt sie souverän ab: Die Internetpornographie konditioniert Männer, indem sie ihre Phantasie verstellt. Das Geschlechtliche mit all seinen im tiefsten Lebenskern wurzelnden individuellen Spielarten wird vom physischen Geschehen zwischen Menschen entkoppelt, stattdessen implantieren bewegte Bilder Erwartungen, die im Virtuellen, keineswegs aber in der Realität erfüllbar sind. Vergleichbares lässt sich in den Gewaltspielen und Actionfilmen erfahren – und manche, die dort eintauchen und ihr Ego ins Gigantische übersteigern, schalten mit dem Computer keineswegs die Wünsche nach digital erzeugten Dopaminschüben ab: Gewalt-Macht-Lust kann um so leichter zur Droge werden, wenn sie folgenlos bleibt. Das Phänomen ist auch an den Pöblern (und Pöblerinnen) zu beobachten, die ihre Aggressionen im mehr oder weniger anonymen Social Web unverdrossen austoben.

Wie die Verfasserin in ihrer Rolle als Domina, wie ihre leid- und lustgeprüfte Kollegin Mariella mit solchen von pornographischen Extremen besessenen Kunden in der harten Realität zurechtkommen muss, das erzählt sie geschickt, indem sie die „Standpauke“ aus einem Gespräch mit Mariella heraus entwickelt. Vielleicht ist Mariella nur eine Kunstfigur; Karolina Leppert könnte zweifellos genügend Geschichten aus ihrer Arbeit für das Prostituierten-Netzwerk „Hydra“ in einer solchen verdichten. Man(n) muss sie einfach mögen. Und dass die Männer in Lepperts Standpauke mit fast therapeutischer Nachsicht behandelt werden, ohne feministischen Furor, dafür mit scharf beobachtendem Sarkasmus, Selbstreflexion und großem Humor, hebt diesen Text aus den zahllosen so bedeutungstriefenden wie folgenlosen Einlassungen zum Thema heraus. Dass der Alltag von Menschenhandel, Vergewaltigung und Zwangsprostitution grausam ist, lässt er einen keinen Augenblick vergessen, gerade weil die Autorin in einem verhältnismäßig zivilisierten Bereich zu Hause ist. Aber da die Politik den Dunkelfeldern ziemlich hilflos gegenüber steht, ist die Standpauke für die Kunden – meist Männer – umso mehr angebracht. Für die Kundinnen auch.

Karolina Leppert, Männermanieren. Standpauke aus dem Rotlicht, edition a, 128 Seiten, erschienen am 27. Februar 2016, 16,90 Euro.

Montag, 30. November 2015

Wirtschaft und Demokratie – drei Bücher

Wird überhaupt noch darüber gestritten, ob das Ziel eines Unternehmens maximaler Gewinn sei oder seine gedeihliche Existenz als Sozialgebilde?
In mancher Arbeitsumgebung wird darüber nicht einmal gesprochen – darauf deuten zumindest Studien wie der Gallup Engagement Index hin, die Andreas Zeuch am Anfang seines Buches „Alle Macht für niemand“ heranzieht.
zeuch_300dpi_cmykSie besagen, dass ca. 20 % der Mitarbeiter innerlich gekündigt haben bzw. „Dienst nach Vorschrift“ schieben. Während des vergangenen Jahrzehnts seien den Unternehmen dadurch jährlich im Mittel etwa 100 Milliarden € verloren gegangen, rechnet Zeuch vor. Quelle der Unlust und ihrer Folgeschäden – darüber sind fast alle Autoren in den drei hier vorgestellten Bücher mit ihm einig – ist meist der Mangel an Eigenverantwortlichkeit und Mitbestimmung der Beschäftigten. Der Sinn ihrer Tätigkeit hat wenig oder nichts mit eigenen Intentionen zu tun, er geht über den schieren Gelderwerb kaum hinaus, die Strukturen sind hierarchisch - oft wird so vor allem die Verantwortungslosigkeit organisiert. Was daraus wird, zeigt das Beispiel VW – es gibt zahllose andere.
Jedes der drei hier vorgestellten Bücher ist zu empfehlen, gerade weil sie aus sehr unterschiedlichen Positionen zur Sache kommen. Alle können aus denselben Quellen schöpfen, aber Absichten und Vorgehensweisen unterscheiden sich ebenso wie die Aufmachung: Das von Thomas Sattelberger, Isabell Welpe und Andreas Boes herausgegebene „Management-Buch des Jahres 2015“ aus dem Haufe-Verlag ist in Design, Grafik und Druck das aufwendigste.  81VtJOVIYxL„Das demokratische Unternehmen – Neue Arbeits- und Führungskulturen im Zeitalter digitaler Wirtschaft“ versammelt nicht weniger als 27 Autoren mit ausgewiesener akademischer bzw. Management-Erfahrung. Die Arbeitsministerin Nahles steht protokollgemäß voran. Ihr Statement klopft staatstragende Schultern, bleibt schwammig und oberflächlich. Es fragt hauptsächlich nach Rahmen für die digital und global entgrenzte Wirtschaft, also nach der Bestandsgarantie für Posten in Gewerkschaft und Politik.
Thomas Sattelberger, Ex-Manager in einigen globalen Konzernen, interessiert den Leser dagegen gleich mit einem strukturierenden Blick auf Megatrends. Er kondensiert Entwicklungen in Schaubildern, kommt sehr schnell auf die dunklen Seiten digitaler Wirtschaft und Technologien. „Letztlich geht es um die Frage, ob sie zu mehr Demokratisierung führen und bisherige Eliten entmachten oder ob Letztere sogar an Macht gewinnen und die Ökonomie in einer Art kapitalistischer Landnahme von den Menschen Besitz ergreift.“ Spätestens hier darf sich der Leser fragen, wie seine ganz persönliche Rolle in diesem Spektakel aussehen soll. Sattelberger bietet ihm nach einer mit einschlägigen Fachbegriffen gespickten Tour de Force immerhin die Aussicht auf eine – auch dank digitaler Technik – demokratisierte „Arbeitswelt 4.0“ und meldet entsprechenden gesellschaftlichen Bildungsbedarf an.
Auch das Autorenkollektiv um Andreas Boes – es schöpft aus einer großen Zahl einschlägiger Publikationen – sieht die Entwicklung an einer Scheidelinie „Zwischen digitalem Fließband und Empowerment der Beschäftigten“. Es fordert dazu auf, an dieser Linie zu messen, wie Unternehmen geführt werden, insbesondere mit Blick auf neue Techniken und Organisationsformen, etwa flexible Arbeitszeiten. Das folgende Kapitel „Der Blick der Managementforschung“, konstatiert, dass Transformationsprozesse im Gang sind. Isabell M. Welpe und zwei ihrer Kollegen von der TU München haben es verfasst. Sie sehen Transparenz und Partizipation auf dem Vormarsch; sehr kompakt beschreiben sie Wege, Begleitfaktoren, Probleme, die damit einhergehen, wenn Unternehmen demokratische Organisationsformen einführen.
Während ansonsten der Geruhsamkeit deutschen Korporationsdenkens wenig mehr entquillt, als Heere von sprachlichen -ung-Geheuern, geharnischt mit unpersönlichen “Es muss…”-Konstruktionen, während sich jedem Handlungsimpuls also Worthülsen entgegenwerfen und nahelegen: Demokratisieren in Unternehmen ist für die Beschäftigten zu schwer, man muss es dem Management überlassen, setzt sich Shoshana Zuboff von der Harvard Business School konkret mit dem “Modell Uber” auseinander, mit Individualisierung versus “Massen-Bewirtschaftung” und bescheinigt Europa eine Chance, mit “digital disruption” besser zurande zu kommen als amerikanische Wettbewerber - wenn es deren einseitige Profitorientierung vermeidet. Armin Steuernagel bestätigt sie darin mit einem Streiflicht über Geschichte und Rechtsformen von Arbeit und Eigentum.
Das Interessanteste am Buch aber sind zweifellos die Praxis-Beispiele: Berichte aus Unternehmen, die unterschiedliche Wege zur Demokratisierung bereits gehen. Eines davon ist Haufe-Umantis. Es scheint, dass sich der Haufe-Verlag hier eigener Reformprozesse erinnert: Anfang der 2000er Jahre hatte sie der damalige Geschäftsführer Uwe Renald Müller („Machtwechsel im Management“, Haufe 1997, Global Business Book Awards Winner 1997) angestoßen.
Auch Andreas Zeuch führt Haufe-Umantis als Beispiel beachtenswerter neuer Formen in der demokratischen Unternehmensführung an, aber er nutzt andere Erzählformen. Nicht die Insider reflektieren bei ihm eigene Transformationen, Zeuch lässt seinen theoretischen Überlegungen aus dem ersten Teil des Buches – “Provokation” – im zweiten, “Inspiration”, Reportagen und Interviews mit Verantwortlichen folgen. Wer ihn kennt, schätzt seine Eloquenz, er ist ein anregender Gesprächspartner und Autor (“Feel it! – So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen”), und ich persönlich mag seine von Wissen und Erfahrungen befestigte, gleichwohl deutlich subjektive Sicht. Er engagiert sich seit Jahren in “Change”-Prozessen: als Ideengeber, Teilnehmer, Berater und Beobachter, ihn interessiert auch das Scheitern solcher Prozesse - dafür gibt es ein lehrhaftes Exempel - und er hat immer gesellschaftliche Entwicklungen im Auge: Wie kann die Arbeitswelt zur Werkstatt und zum Handlungsort für demokratisches Verhalten werden? Sinnkopplung am Arbeitsplatz könnte den Einzelnen ermutigen, ertüchtigen und erfahren lassen, wie individuelle Möglichkeiten und Gemeinwohl aneinander, miteinander wachsen können.
Teil 3 des Buches – “Aktion” befasst sich mit Haltungen zum Wandel und Instrumenten dafür. Zeuch stellt klar, dass Demokratisierung nur “top down” UND “bottom up” funktionieren kann, dass Bereitschaft zum Rollenwechsel und Konfliktfähigkeit unverzichtbar sind – also geeignete Formen der Kommunikation, letztlich eine Kultur, die Fehler, Missverständnisse, Krisen als Lernprozesse versteht. Dass eine solche Kultur völlig neue Beziehungen innerhalb der Arbeitswelt ermöglicht, individuelle Freiräume schafft und dennoch jederzeit effizienter ist als angst- und kontrollgesteuerte Strukturen und Taktgeber, erörtert auch das dritte Buch:
presse-983Im  bescheidenen Gewand einer Broschüre mit nicht mehr als ein paar Strichmännchen zur grafischen Beigabe und unter Verzicht auf Insider-Terminologie, auf Schlagworte wie “Redundanz”, “Resilienz”, “Prokrastinieren” und anderes, kommen Stefan Fouriers Vorschläge daher, wie sich arbeitende Menschen – egal ob Männer oder Frauen, egal ob an der Basis oder “an der Spitze” – eigener Konflikte, Ängste, Belastungen inne werden und sie meistern können. Mich irritierte zunächst der Titel, denn “schlau” changiert zwischen “intelligent”, “klug”, “listig” und “abgefeimt”. Fouriers Überlegungen – sie gehen darin über "Ratgeberliteratur” hinaus – zielen eher aufs Gescheit werden. Sie sind vor allem ausgegoren: Auf sympathische Weise gesteht der Autor von Anfang an, wie er selbst in die “Perfektionismusfalle” getappt ist, ehe er gescheit wurde; wenn er über wachsenden Leistungsdruck und Komplexität spricht, tut er es aus Erfahrung heraus und gut verständlich. Mir fiel Erich Kästners Wort über Frau Lehmann ein, die so viel liebenswerter und unbeschwerter durchs Leben ginge, versuchte sie nur, statt perfekt die perfekte Frau Lehmann zu sein. So komplex die Welt ist, so komplex ist Jede und Jeder – Vereinfachungen führen nicht weiter, verbünden wir uns lieber mit Komplexität.
Allerdings sind Menschen seit je auf vereinfachende Weltbilder fixiert - seien sie von Priestern im Namen Gottes verkündigt, von Konzernchefs, Despoten oder Medien. Wollen Menschen überleben, wollen sie etwas gelten, müssen sich ihre Selbstbilder möglichst perfekt solchen vom sozialen Umfeld akzeptierten Modellen der Wirklichkeit anverwandeln - mit allen Rollenzuweisungen und Ritualen etwa in einer Konzernhierarchie, sei es bewusst oder unbewusst. Dass jeder von uns die Realität fortwährend miterschafft, dass er bei der Wahl seiner Rolle Freiheiten hat, dass er sie sogar erweitern und wechseln kann, indem er die Kräfte seines sozialen Umfelds zu erkennen, zu mobilisieren, zu nutzen, versteht – das ist eine demokratische Grundidee. Aus ihr resultieren Kommunikation, Lernprozesse, Kooperation - sie stehen in dynamischer Wechselbeziehung zu Konkurrenz, zu Missverständnissen, auch zum Scheitern. Stefan Fourier macht viele interessante Vorschläge zu wachem, offenem Umgang, zu besserer Selbstwahrnehmung, für mehr Freude und Erfolg in der Arbeit bei gleichzeitig schonendem Einsatz eigener Ressourcen. Ohne das Wort “Sinnkopplung” zu benutzen, sieht er in Sinn, Vertrauen, Offenheit, Verantwortung “soziosystemische Erfolgsfaktoren”.
Wenn er dazu empfiehlt, “persönliche Qualitäten für Chaosfitness” zu entwickeln – “Wach, mutig, schnell, diszipliniert, unerschütterlich”, sieht das für mich allerdings nach Actionkino aus. Das Rollenangebot und die persönlichen Stärken von Individuen sind viel reicher und überraschender. Mit von Platon abgeleiteten “Archetypen” – Führer, Macher, Mitmacher und Opponent – versucht Fourier Interaktionen in sozialen Systemen zu erklären, übersieht dabei aber z.B. die Ambivalenz der “Mitmacher”. Er sieht den “Macher”, der zum Kriegstreiber wird, aber nicht den “Mitmacher” im Lynchmob.
Dass ich Fouriers Buch mit Vergnügen gelesen habe, lag aber an solchen Gelegenheiten zum Einspruch weniger als an den vielen Anregungen, an der verständigen und verständlichen Sprache, mit der er sich in den Diskurs um die Arbeitswelt von morgen einbringt. Es will eben nicht perfekt sein. Vielleicht ist es schlau. Gescheit ist es allemal.
Stefan Fourier “Schlau statt perfekt” Verlag Business Village 2015, 204 Seiten, 19,80 €
Andreas Zeuch „Alle Macht für niemand“, Murmann Verlag 2015, 264 Seiten,     25 € 
Sattelberger/Welpe/Boes (Hrsg.) “Das demokratische Unternehmen” Haufe Verlag, 310 Seiten,

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