Montag, 2. September 2013

Kapitel 4 (4)

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Geister, die der Kopfschmerz rief ...Richten wir noch einmal den Blick auf die Interaktion. Bewusst registrieren wir fast nur die Störungen – so wie wir unseren Zeh erst wegen eines schmerzenden Dorns oder Hühnerauges beachten. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf den schmalen und begrenzten Ausschnitt, wo wir die Störung vermuten. Unsrer Erfahrung hat uns gelehrt, dass mit der Ursache auch die Störung zu beseitigen ist. Diese einfache Strategie ist sehr oft erfolgreich und in unseren unbewussten und impulsiven Reaktionen präsent. Sie beeinflusst aber auch unsere Wahrnehmung sehr stark, indem sie „feindlich– negative“ Züge unseres Gegenübers verstärkt: wir nehmen auch Geringfügiges „kontrastierend“ wahr: schärfer. Selbst Hühneraugen oder Pickel können Krebsängste mobilisieren - nicht nur bei ausgemachten Hypochondern. Es bedarf fast immer besonderer Reflektion oder spezifischer Lernprozesse, dem Wahrnehmungs- und Reaktionsmuster von Kausalattribuierung und Aggression gegen vermeintliche Störungsursachen nicht zu folgen.

Wie übermächtig solche Verhaltensstereotype sind, zeigt sich tagtäglich, wenn die Dorftyrannen dieser Welt die Überbringer schlechter Nachrichten maßregeln: Ihre Kreise werden gestört und die Ursache ist der Unglücksbote. Die meisten „Aufklärer“ des Medienjournalismus weichen bei ihrer Jagd nach Schuldigen um keinen Deut von diesem Schema ab.

Natürlich wandele ich wieder auf plattesten Sohlen, wenn ich an dieser Stelle betone, dass Aggression und Autoaggression so elementar für unser physisches und psychisches Überleben sind, wie das Agieren von Fresszellen in unserem Immunsystem. Aber die bloße Fokussierung auf Ursachen hindert uns daran, zweckmäßigere Wege der Lösung von Konflikten zu gehen. Stattdessen reagieren Konfliktparteien auf jede Antwort des Gegenübers mit Eskalation: Nach dem Prinzip „mehr desselben“[1] stolpern wir in sich unaufhaltsam verschärfende aggressive Handlungen hinein, deren Schaden dem Maß der ursprünglichen Störung nicht entspricht.

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[1] Paul Watzlawick „Anleitung zum Unglücklichsein“, München, Piper 1983

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