Dienstag, 19. Februar 2013

Kapitel 3 (5)

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Wie unvermeidlich wir im Alltag antizipieren, also Urteile fällen und Entscheidungen treffen, ohne für komplexe Sachverhalte auch nur annährend vollständige Informationen zu haben, geschweige sie bewerten zu können, zeigt sich besonders, wenn wir Menschen einschätzen. Der “erste Eindruck” (“quick”) prägt unser nonverbales Verhalten augenblicklich. Begrüßungsrituale, Konventionen der kulturell geprägten “display rules” verhindern, dass es in der Folge zu oft “dirty” wird und zu schwer korrigierbaren Zusammenstößen kommt.
Nicht die Ursache - das Ziel bestimt den Ausdruck
Da wir Menschen aber das Denken und Reden (natürlich auch das Reden und Schreiben) ziemlich wichtig nehmen, übersehen wir bisweilen, dass alles andere, alles was so selbstverständlich im Universum von Körper-„Innerem“ und Körper-„Umgebung“ abläuft, millionenfach mehr Informationen umfasst, als uns jemals bewusst und unserem „freien Willen“ unterworfen sein könnten. Das „Ich“ kann nur wollen, was ihm bewusst ist; die innere Matrix – nennen wir sie einmal das „Selbst“ – muss alles wollen, alles antizipieren, was der Selbsterhaltung dient; das Selbst muss Strategien in wahrhaft kosmischen Dimensionen vorhalten. Vielleicht kann man sich die Matrix als ein „dynamisches Negativ“ der gesamten, jeden Einzelnen umgebenden Welt vorstellen. Damit schließt sich zugleich der Kreis zu einem Leitgedanken von Kapitel 2: ohne den Einzelnen ist das Universum nicht vollkommen.
Stellen wir uns nur einmal vor, welche Steuerungsleistung allein der aufrechte Gang erfordert: Bis heute ist kein Roboter in der Lage, etwas auch nur annähernd Funktionierendes zu leisten. Keiner von uns verschwendet normalerweise auch nur den Hauch eines Gedankens daran, wie er beim Gehen seine Füße setzt; nur wenn er stolpert, wird er aufmerksam, während die Matrix längst die korrekte Körperhaltung wiederhergestellt hat – oder er im Matsch liegt.
Ebenso gut lässt sich das am Sprechen verdeutlichen: während wir mit Wortinhalten, allenfalls noch mit dem Verhältnis zu unserem Gegenüber gedanklich befasst sind, organisiert die Matrix – neben dem fortlaufenden übrigen Körperprogramm – die Erzeugung von Schallwellen über einen hochsensiblen Apparat, an dem neben vielem anderen Zwerchfell, Stimmlippen und Zunge beteiligt sind; dazu Mienen, Gesten, und eine ganze Bibliothek von Assoziationen, möglichen Fortsetzungen und Brüchen. Das bemerken wir auch nur, wenn wir ins Stottern kommen und nach Worten „suchen“ müssen. Wenn die Rede wieder fließt, dann arbeitet die Matrix wieder unmerklich.
Hierin unterscheidet sich eben die Muttersprache deutlich von den später erlernten Fremdsprachen: der Umgang mit ihr wird – unterschiedlich gut – in frühester Kindheit automatisiert, niemand verschwendet später einen Gedanken an grammatische Regeln, während er spricht. Tut er es doch, dann gerät der Redefluss ins Stocken. Eine solche „automatisierte“ oder besser „eingewachsene“ Sprache können Erwachsene in der Fremdsprache kaum noch erreichen.
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