Mittwoch, 9. März 2011

Literatur als Lebensrettung – Eberhard Haufe zum 80sten


Eine “Not- und Erstlingsarbeit” nennt Eberhard Haufe seine Anthologie deutscher Mariendichtung aus dem Jahr 1960. Er tut das 1993 in seiner Dankesrede zur Verleihung des Weimar-Preises, einer Auszeichnung, die er längst verdient hatte. Aber als er jene Anthologie herausgab, hatten ihn marxistisch-leninistische “Säuberer” aus der Universität Leipzig entfernt, er war stellungslos, hätte wohl wie mancher Geschurigelte den Weg nach Westen wählen können. Er ging nicht, er suchte sich sein Arbeits- und Überlebensfeld in der Literatur und fand so einen eigenen Weg – sich von den ideologischen Versatzstücken des Ostens ebenso fernhaltend wie von westlichen Modeströmungen. Der “Not- und Erstlingsarbeit” folgten reihenweise lesenswerte Essays zur deutschen Literatur; der Wallstein Verlag Göttingen hat eine Auswahl in dem vorliegenden Buch zum achtzigsten Geburtstag des Autors zusammengeführt, es besticht schon durch seine editorische Sorgfalt.
Mir gefiel der Essay zur Geschichte der Mariendichtung, da er mich auf unvertrautes Terrain führte. Mir gefielen Haufes Texte zu den Dichtern des 17. Jahrhunderts um so mehr, als ich meine Bekanntschaft mit ihnen Arno Schmidt verdanke. Haufe nahm mich nun wieder zu einer überaus anregenden, mit sprachlichem Detailreichtum begleiteten Exkursion in die literarische Landschaft während und nach dem grausamen 30jährigen Krieg mit. Die Lektüre ist anspruchsvoll, aber niemals akademisch überfrachtet, sie weckt den Wunsch, Texte von Fleming, Brockes, Paul Gerhardt – um nur drei von vielen zu nennen – aufs Neue mit dem von Haufe geschärften Blick zu lesen.
Das gelingt ihm, weil er die Klassiker im Weimarer Schillerarchiv, wo er zehn Jahre lang beschäftigt war, als “zwar vergangenes, doch unvergängliches Leben” begriff, “die Schreiber waren nahe. lebendige Menschen”. Der “Sachse im Weimarer Exil” ist sich bewusst: “So geschätzt diese Arbeit mit ihrem übergreifenden inneren Gewinn war, so nahe lag gleichwohl die Gefahr des Elfenbeinturms im Schatten oder im Lichte der Heroen und Ortsheiligen”, und er hat sich dieser Gefahr ebenso eindrucksvoll entzogen wie der politisch linientreuen “Erbepflege” der DDR-offiziellen Literaturwissenschaft.
Haufes Schriften zur deutschen Literatur werde ich künftig gerne zu Rate ziehen, wenn ich Entdeckungsreisen in die Dichtung aus vier Jahrhunderten unternehmen und mich dabei so verständig wie unterhaltsam führen lassen möchte; ich empfehle literarischen Neulingen das Buch ebenso wie Fachleuten.
Wenn bei der Lektüre Zweifel an mir nagen, ob meine eigene Literaturproduktion Gnade vor den Augen des Gelehrten fände, versichere ich mich einfach des von ihm vorgelebten Prinzips: Literatur ist ein lebensrettender Raum, dort zählen Applaus und theoretische Erwägungen jedenfalls weniger als die Arbeit an dem Buch, das wir sind – und in ihm sind die gelesenen Texte aufgehoben.

Eberhard Haufe “Schriften zur deutschen Literatur”
Wallstein Verlag Göttingen 2011; 542 Seiten, 34,90 €
Literatur als Lebensrettung – Eberhard Haufe zum 80sten

Dienstag, 4. Januar 2011

Der Wahn der Saubermänner:



Es ist zunächst die Meldung von chinesischen Erfolgen bei der Wiederaufbereitung abgebrannter Brennstäbe, die Interesse weckt. Wenn man dann die Kommentare zum SPIEGEL-Artikel liest, wird einem klar, wie kontaminiert manche Gehirne von "Saubere- Energie"-Parolen sind.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Weihnachten - eine Botschaft


Was hat man nicht alles über die zum Konsumwahntempeldienst verkommene Feier von Christi Geburt lesen können! Wie schon ihr Herannahen depressive Schübe begünstigt, wie aufgestaute innerfamiliäre Konflikte unterm Christbaum durch die kitschselige Oberfläche brechen, wie gesundheitsschädlich Fressorgien und Alkoholexzesse sind, wieviele brennende Weihnachtsbäume alljährlich das Elend dieser Welt vermehren.
Und? Hat es geholfen?
Mir nicht. Mir ist Weihnachten vor allem eine Zeit der Erinnerungen: an Licht in dunklen Zeiten. Der Rummel geht an mir vorbei, irgendein Rummel ist sowieso immer. Der Alternde ist froh, nicht dabeisein zu müssen. Als Kind, als Jugendlicher wollte ich bei allerlei Rummel unbedingt dabeisein; das Weihnachten meiner frühesten Erinnerungen hat damit nichts zu tun. Über ihm stehen die Worte "Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachts ...", nein, das dritte Wort war nicht "Eierkuchen". Es war ein Wort, das der alte Pfarrer, ein Orator vor dem Herrn, in der Heiligabend wie sonst nie gefüllten Kirche dem Publikum abverlangte. Dem Publikum, denn "Gemeinde" waren ja nur wenige, die dem antireligiösen Staatswesen widerstanden, nicht nur aus religiösen Motiven.
Das dritte Wort ist das eigentliche, für mich mit Weihnachten seither verbundene. Es hat mich mit dem Gesicht meiner Großmutter, mit dem meiner Mutter und Schwester zeitlebens begleitet, dafür bin ich dankbar. Dass wir in den Mangeljahren - und die 50er waren eine Zeit des Mangels im Osten - uns über Geschenke womöglich viel mehr freuen konnten, als dies Kinder heute tun, gehört dazu, denn das Schenken kam nicht aus dem Überfluss, sondern aus dem Verzicht und der Entbehrung. Das Teilen machte es kostbar.
Man könnte womöglich diese Freude am Teilen wiederfinden, ohne dass die Not des Nachkrieges dazu die Voraussetzungen schaffen müsste - oder?

Mittwoch, 15. September 2010

Neues vom Autor

Teil zwei der Romantrilogie - "Babels Berg" - ist im Druck, die Arbeit am dritten Teil "Raketenschirm" hat begonnen. Dieser Prozess soll mit einem Weblog als Arbeitsjournal und Werkstatt für Autoren begleitet werden. Vielleicht wird's auch eine Geschichts- und Geschichten- Werkstatt für nachfolgende Generationen ...

Sonntag, 15. November 2009

Mauerfall und ZDF

Das "Badische Tagblatt" hatte mich zu einer Stellungnahme eingeladen: Was bedeutet dem in der DäDäÄrr Verbotenen, Ausgegrenzten das 20ste Jubiläum des Mauerfalls? Der Ausschnitt zeigt, was mir dazu einfiel. Nach Besichtigung der ZDF-Staats-Show zum Mauerfall bin ich sicher, dass es mit dem Humor noch etwas dauert.
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