Samstag, 5. November 2016

Kapitel 5 (6)

Wenn Marx, Engels und Lenin etwas geschafft haben, außer Ideen zu geben an die „Arbeiterbewegung“ – in Wahrheit eine Bewegung abhängig Beschäftigter, heute im Wesentlichen eine Interessenvertretung der An-Gestellten –, dann ist es dies: Sie haben die Deutungshoheit über den Begriff des „Sozialen“ mit bestimmten Parteien verknüpft, die ein Zufall der Geschichte auf der linken Seite des Parlaments zu sitzen kommen ließ. „Links“ erscheinen seither die Vorreiter und Hüter des „Sozialstaates“; er korrigiert die „natur-wüchsigen“ Ungerechtigkeiten. Aber der fürsorgliche Staat ist nicht zuletzt eine Erfindung Bismarcks. Er ist zutiefst konservativ und patriarchalisch und verharrt in den alten Schemata von Obrigkeit und Untertanen mit begrenzter Mündigkeit; er belohnt die Systemkonformität, er belohnt das Mittelmaß. In den Köpfen aber hat sich die Dichotomie zwischen „Links“ und „Rechts“ festgesetzt. Über einen Wandel der Bedeutungen von „sozial“, „fortschrittlich“ oder „konservativ“ wird nicht nachgedacht. Mit Klischees lebt es sich nun einmal leichter.

Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass der „Klassenkampf“ zwischen „Sozialismus“ und „Kapitalismus“, der im Kalten Krieg seinen Gipfel zu erreichen schien, eine Fiktion ist, denn beide Seiten sind innerhalb des Gestells untrennbar aneinander gebunden, sie haben sich in ihm entwickelt, sie erhalten es – jeweils dem eigenen Überleben zuliebe – aufrecht und können ohne einander nicht leben. Der letzte Beweis ist das vollkommene Scheitern des „sozialistischen Weltsystems“, wo der Versuch, das freie Unternehmertum auszurotten und die Wirtschaft ausschließlich von den An-Gestellten aus Staat und Partei führen zu lassen, als Katastrophe endete. Nun holen Russen und Chinesen „ihren“ Kapitalismus zurück – die Ausbeutungsexzesse des 19. Jahrhunderts eingeschlossen – mit dem gleichen Personal, das vorher als Staats- und Parteibürokratie die Länder ruinierte. Aber immer noch spukt die Idee, dass wer für An-Gestellte eintritt, auf Seiten der sozialen Gerechtigkeit kämpft, in den Köpfen. In dieser Falle sitzen längst auch die Vertreter der „christlich-sozialen“ Richtungen: Sie folgen der Deutungshoheit der An-Gestellten-Parteien meist schon deshalb, weil sie selbst An-Gestellte sind. Die Mitleids- und Fürsorgerituale halten ihnen das schlechte Gewissen vom Leib. Sie lassen sich dafür gut bezahlen, und die hermetischen Sicherungssysteme für ihre Versorgung nehmen ihnen die Angst, selbst ins Unglück zu geraten. Ängstlich sind sie dabei andauernd: für irgendetwas in die Verantwortung genommen zu werden. Sie übersehen in all ihrer ängstlichen Fürsorglichkeit nur einen systematischen Fehler ihrer Strategie: Fürsorge schafft Bedürftigkeit und umgekehrt. Es ist das Wesen dieser wie jeder Interaktion. Gegen den Mindeststandard „freistehendes Einfamilienhaus und Wunschauto für alle“ gäbe es nichts einzuwenden, außer einem: Er wäre sozial ungerecht.

Es gibt Menschen, die hören sofort auf, irgendeine Art sozialer Verantwortung wahrzunehmen, wenn nur für Essen, Trinken ein Dach überm Kopf und ein bisschen Spaß gesorgt ist. Sie nehmen gern, was ihnen für den Lebensunterhalt zugeteilt wird – einschließlich kompletter medizinischer Versorgung – und schlafen sehr gut, wenn sie nicht versteuern müssen, was sie zusätzlich verdienen. Sie hören es gern, wenn ihnen Politiker und Journalisten versichern, dass die Rolle des Schmarotzers schon an einen anderen Sündenbock vergeben ist: den bösen Kapitalisten. Die An-Gestellten-Parteien können die Rolle logischerweise nur an diejenigen vergeben, bei denen die Mittel für die sozialistischen Versorgungssysteme zu holen sind: Unternehmer, Freiberufler, kurz: diejenigen, die gar nicht oder nicht allein von eben jenen Versorgungssystemen abhängig sein wollen. Natürlich braucht man Unternehmer, um Arbeitsplätze zu schaffen. Deshalb werden junge Menschen gelobt, die das Risiko einer Gründung eingehen. Ihr Unternehmen hat kaum Laufen gelernt und erste Gewinne gemacht, da wird es schon in bürokratische Regelsysteme gezwängt und für Steuern und Sozialabgaben angezapft.

Nein, ich tappe nicht in die Dichotomie-Falle, die hier lauert: An-Gestellte oder abhängig Beschäftigte versus Selbständige, Arbeitgeber gegen Arbeitnehmer und deren Interessenvertreter, letztlich in das Lemma „Die Geschichte ist eine Geschichte der Klassenkämpfe“. Sozialschmarotzer, gar Soziopathen finden sich unter Selbständigen ebenso wie in allen Schichten, Berufen, unabhängig von Hautfarbe, Sprache, Herkunft Religion oder Geschlecht, sie finden auch immer Formen sich zu verbünden, wenn sie ihr Interesse durchsetzen wollen, das da heißt: „Enteignet die anderen“. Mir geht es nur darum, wie verantwortungsloses Verhalten systemisch begünstigt wird. Marx hatte dafür eine bis heute gern zitierte Beschreibung:

Das Kapital hat ein Grauen vor Abwesenheit von Profit, wie die Natur vor der Leere. Zehn Prozent und man kann sie haben. Zwanzig Prozent und sie werden lebhaft. 50 Prozent positiv waghalsig. Für 100 Prozent stampft man alle menschlichen Gesetze unter den Fuß. 300 Prozent und es gibt kein Verbrechen, das man nicht wagt, selbst auf die Gefahr des Galgens.“

Was Marx hier „dem Kapital“ als Subjekt zuschreibt, Angst und Gier bis zum beispiellosen Risiko, trieb tatsächlich immer das Handeln menschlicher Subjekte – als Einzelne oder im Kollektiv.

Nach 200 Jahren schauen wir auf eine beispiellose Erfolgsgeschichte der Gier. In den Händen neuer Geldeliten ist mehr Besitz und Macht akkumuliert als in denen sämtlicher Herrscherdynastien des Milleniums – infolge des massenhaften Strebens nach dem Erwerb von Geld und Waren. Nachdem in dieser Welt – das hatte der junge Marx vorausgeahnt – fast alles und jeder zur Ware, also käuflich geworden ist, darf das Geld und seine quantifizierende, alles gleich machende Wirkung als beinahe jedem Einzelnen eingewachsenes Strukturmuster gesehen werden. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wir landen bei der Wechselwirkung individueller Verhaltensmuster mit sozialen Randbedingungen: im Aufgabenfeld der Politik. Es ist DAS Konfliktfeld. Die Aussicht, dass Politik und Staat sich einmal erübrigen könnten, war nie zuvor utopischer. Wundert sich irgendwer, dass die Verteidiger der „reinen“ Marktwirtschaft“ ebenso katastrophale Schäden anrichten wie die der „reinen Staatswirtschaft“ marxistisch-leninistisch-maoistischer Provenienz? Wenn man will, erkennt man hier, wie sich in gesellschaftlichen Verhaltensmustern – im Sinne fraktaler Selbstähnlichkeiten – individuelle ausprägen. Gegensätze sind im Leben freilich nie so „rein“ wie es „reine“ Verhaltensschemata geben kann, aber erkennbar sind immerhin gegensätzliche Strategien: die des Erlangens unter Inkaufnahme größter Risiken und die des Vermeidens unter Inkaufnahme der Bewegungslosigkeit.

Freitag, 4. November 2016

Kapitel 5 (5)

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Die serienweise platzenden Skandale an der Spitze spiegeln doch nur das Grundverhältnis: Wir sind Anspruchsberechtigte. Für die Schäden, für die Folgen verantwortlich sind die anderen. Für die Erziehung der Kinder sind Kinderkrippe, -garten, die Schule oder die Berufsausbildung zuständig. Eltern müssen sich für die Fehlleistungen ihrer Sprösslinge so wenig in Haftung nehmen lassen, wie Politiker für ökonomische Fehlleistungen in Milliardenhöhe. Jeder Jugendliche hat Anspruch auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz, egal wie sein Sozialverhalten von Eltern geprägt wurde, egal wie viel Ehrgeiz er in seine schulischen Leistungen investiert. Kann er seine persönlichen Fähigkeiten und Ansprüche ins Verhältnis setzen und Konflikte mit sprachlichen Mitteln bewältigen? Nein? Er pöbelt und schlägt? Dann braucht er staatliche Fürsorge.
Probleme und Konflikte werden sozialisiert, Ansprüche und Gewinne privatisiert, Fast jeder versucht, sich mit der Macht von Korporationen – in der Regel mit der „seiner“ Firma, Behörde, Organisation, Religionsgemeinschaft, neuerdings der von „Sozialen Netzwerken“ oder eines „Flashmobs“ – zu bewaffnen, um seine Interessen durchzusetzen. Es reicht auch schon, wenn er sich Vorteile verschafft.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass fast für jeden Konflikt eine Organisation – sei sie staatlich, von Kirchen oder privat finanziert – Lösungen parat hält und uns die Verantwortung abnimmt. Wir bewegen uns gerade auf einen Zustand zu, wo dem einzelnen auf jede Frage eine Antwort gegeben wird: von irgendeiner zuständigen Korporation. Wir möchten auch gern noch sicher-stellen, dass er ruhig bleibt, wenn ihm die Antwort nicht gefällt. Das nennt man dann den sozialen Frieden.
Dieser „Frieden“ wird immer wieder einmal gestört, wenn es den Körper nach Zärtlichkeit verlangt. In einer gegen alle Lebensrisiken versteiften Singlegesellschaft, wo jeder hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist, wächst das Verlangen nach Nähe und Berührung. In sicher-gestellten Partnerschaften (tot-gestellt trifft öfter zu) sehnen sich Frauen nach „Schmetterlingen im Bauch“ (was für ein bis zum Erbrechen wiederholtes, die Macht der Triebe verniedlichendes Stereotyp!) und Männer nach haltlosem Sinnenrausch. Die Haut und die Geschlechtsorgane – vor allem das im Kopf – samt der ihnen unauflöslich verbundenen Seele wollen, dass etwas geschieht. Aber es darf nichts passieren!
Dafür gibt es dann – gratis oder für Geld – eine „Kuschelgruppe“. Oder die Sado-Maso-Swingerclubs mit angeschlossenem Puff und Studio für Piercing, Branding, Tätowierungen und Schamhaarcoiffure.
Fragen Sie sich an dieser Stelle bitte einmal ganz ehrlich, was Sie von Prostitution halten. Könnte das nicht eine ganz normale Dienstleistung sein wie jede Physiotherapie? Mit ordentlicher Ausbildung, Berufsschule, Abschlusszeugnis und entsprechendem Ansehen in der Gesellschaft?
Verachten Sie Frauen, die sich „hochgeschlafen“ haben?
Haben Sie Mitleid mit Huren aus dem Osten, aus Afrika oder Brasilien?

Das Sexualverhalten gibt sehr tiefe Auskünfte über den Zustand unserer Kultur – und über das, was wir den „sozialen Frieden“ nennen. Über wenig anderes wird mehr geredet, nur in der Politik wird dabei noch mehr gelogen und geheuchelt. Wenigstens bleibt der Versuch, auch noch die Wunden der Liebe zu sozialisieren, auf absehbare Zeit erfolglos.
 
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